Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 48 (1892)
- Issue
- 9 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 In dem Augenblick, als das Bettlein des jüngsten Rindes aufgeladen werden sollte und die Frau mit aufgehobenen fänden den Gerichtsvollzieher bat, ihr doch wenigstens nur dies zu lassen, trat aus der Reihe der Umstehenden ein ^andelsjude auf den Gerichtsvollzieher zu und fragte so leise, daß es die arme Witwe nicht hören konnte, wie hoch denn überhaupt die ganze Forderung sei. Der Beamte hatte wenig Lust, die Neugier des „schäbigen Juden" zu befriedigen, und wies ihn kurz ab: das gehe ihn gar nichts an. Aber der alte Jude ließ sich nicht abweisen. „Erlauben Se," sagte er mild, „as ich doch nicht frag' aus Naibegierl Ich will nehmen auf mich die Schuld der Frau und zahlen vor sie und trösten die. Mutter und retten das kranke Rindlainl" Jetzt sah ihn der Gerichtsmann erst recht an; das war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen, daß ein Jude hätte bezahlen wollen, wo er nichts schuldig war. Er merkte, daß es dem Mann ernst war, und sagte ihm den Betrag der Schuld: „238 Mark und 75 Pfennig." Da zog der Jude hinter dem Wagen, so daß es niemand sehen konnte, eine alte schmierige Brieftasche hervor, nahm zwei Hundertmarkscheine heraus, sifchte dann aus seinem Lederbeutel den Rest von 38 Mark und 75 Pfennig in Gold, Silber und Nickel heraus und — händigte den ganzen Betrag dem erstaunten Gerichtsvollzieher ein, mit dem Ersuchen, die Fahrnis der armen Witwe wieder in ihre Dachwohnung hinaufschaffen zu lassen. „Aber haben Se de Gide, Herr Gerichtsvollzieher," fügte er leise bei, „lassen Se mich erst gehen weg! Ich mag keine Geschichten vor die vielen Lait." Mit diesen Worten verschwand der Jude in dem Kaufen der Umstehenden. Als der Gerichtsvollzieher der Frau das Geschehene mitteilte und diese mit Thränen in den Augen dem edelmütigen Retter danken wollte, war er nicht mehr zu finden. Es giebt Engel der Barmherzigkeit. Sie tragen nicht immer Flügel und strahlen auch nicht immer im Glanze überirdischer Schönheit. Sie sind manchmal alt und häßlich und sind dennoch Engel Gottes. Solch' ein Engel der Barmherzigkeit ist der alte Jude gewesen. (Aus Frankfurt a. ITT. eingefaudt.) Die Bibel und die Engel. Der 29. September wird alljährlich von einem Teil der christlichen Airche als der Rkichaelistag oder das Fest der Engel gefeiert. Auch evangelische Perikopenverzeichnisse und Gesangbücher berücksichtigen diese Bedeutung des Tages. In unserm gemeinsamen Gottesdienste wird er freilich nur dann begangen, wenn er auf einen Sonntag fällt. Die Einrichtung eines Engelfestes steht mit den Aussagen der Bekenntnisschriften der evangelischen Airche nicht in Widerspruch. Luthers Schmalkaldische Artikel, Rlelanchthons Apologie der Augsburgischen Aonfession und der Heidelberger Aatechismus bestreiten nur das Recht der Anrufung, keineswegs die Pflicht der Hochschätzung und Verehrung der Engel als der für uns vorbildlichen Diener Gottes. Die Reformatoren begründeten ihre Auffassung mit Stellen der heiligen