Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 48 (1892)
- Issue
- 9 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Monatsblatt für Israeliten und Freunde Israels. Nr. 9. — 48. Jahrgang. - 1892. Anhalt: Die vereitelte Auktion. — Die Bibel und die Lngel. — Jüdische Chronik. — wahre Poesie. Ute vereitelte Auktion. An einem trüben Aprilmorgen hielt in einer engen Gasse der Stadt Frankfurt am Main die „Amtschaise". So nannte der Volkswitz den Wagen des Gerichtsvollziehers, unter dessen Leitung jetzt zwei Dienstleute damit beschäftigt waren, aus der Dachwohnung eines der geringsten Däuser des Stadtviertels allerlei Möbel, Betten und sonstigen Hausrat aufzuladen. Dies alles wollten sie zum städtischen Auktionslokal verbringen und dort versteigern. Neugierig umstanden Kinder und Erwachsene den Wagen und richteten ihre Blicke auf eine junge, blasse Frau. Mit stillem Gram sah sie, ein einjähriges Kind auf dem Arm, dem Thun der Arbeiter zu. Vier größere Ainder standen schluchzend neben ihr und brachen jedesmal, wenn wieder ein Stück aufgeladen wurde, in lautes Weinen aus. Diese Leute hatten offenbar einst bessere Tage gesehen. Das merkte man an dem Hausrat, und das erkannte man an der Frau selbst und ihren Kindern. Sie war die Witwe eines Kaufmanns. Dieser hatte durch den Bankerott eines Geschäftsfreundes, für welchen er sich verbürgt hatte, fast fein ganzes Vermögen verloren. Um den Verlust wieder einzubringen, ließ er sich in gewagte Unternehmungen ein und verlor nun auch den Rest seines Vermögens. Trostlos und hoffnungslos griff der Unglückliche und Feigling zur Pistole und — ließ Weib und Kind im tiefsten Elend in der Welt. Seine Gattin war mutiger als er. Freiwillig verkaufte sie alles Entbehrliche aus ihrer Haushaltung und befriedigte einzelne Gläubiger ihres Mannes. Dann bezog sie die ärmliche Dachwohnung, um sich und ihre Kinder durch fleißige Arbeit, mit Nähen und Stricken, durchzubringen. Aber noch hatte sie nicht den Kelch des Leidens bis auf die Hefe geleert. Ein entsetzliches Scharlachfieber warf ihre 5 Kinder nach einander auf das Krankenlager, und nur die aufopferndste pflege der Mutter war im stände, sie am Lebenzu erhalten. Indessen kehrte Not und Mangel im armen Stüblein ein. Die kleinen Ersparnisse der heldenmütigen Pflegerin waren bald aufgezehrt. In dem Haus der Scharlachkranken wollte niemand mehr eine Arbeit machen lassen. Nun kamen Schulden, und das Ende war die Einkehr des Gerichtsvollziehers. Ein hartherziger Gläubiger bestand auf seinem Guthaben, und da gab es kein (Erbarmen. Und doch giebt es noch Erbarnlen auf Erden. 1