Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 48 (1892)
- Issue
- 6 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Kirche findet das von der Weissagung gezeichnete Bild in der Geschichte ihres Stifters wieder. Im Jahre 404 n. Ehr. drängte sich eine Menge Menschen im Kolosseum zu Rom, um den Gladiatorenkämpfen zuzuschauen. Die Meldung, daß diese abgehalten werden sollten, war vorher weit hinaus ins römische Reich getragen worden und so auch zu den Ohren eines jungen Mönches im Morgenlande gedrungen. Dieser, Telemachus m t Namen, faßte den „Entschluß, seine einsame Wüste zu verlassen, um in Rom jenem Ärgernis ein Ende zu bereiten. Er traf hier zur rechten Zeit ein. Die Kämpfe sollten gerade beginnen. Es gelang ihm, sich durch die in wilder Leidenschaft glühende Menge Bahn zu brechen. Dann warf er sich zwischen die Gladiatoren und suchte sie auseinander zu bringen. Erbost über die Störung, überschütteten ihn die Zuschauer zuerst mit Schmähworten, hierauf mit Steinen, unter denen der Eindringling bald zusammenbrach. Die Gladiatoren, denen er hatte helfen wollen, töteten ihn vollends. Aber sein Tod war nicht vergeblich, sondern bedeutete eine Zeitenwende. Kaiser fjottorius ließ jene grausamen Spiele für immer verbieten. Der Segen des Selbstopfers, welches das alttestamentliche jDrophetentum auf seinem Höhepunkt voraussah, sollte der Weissagung gemäß noch viel weiter, bis in das Herz Gottes hinein, reichen und eine neue Stellungnahme des Schöpfers zu seinen Geschöpfen herbeiführen. Aus unserer bisherigen Untersuchung ergiebt sich also, daß das eigentliche Menschenopfer von der Jehovahreligion ausgeschlossen wird, daß die letztere aber in der Selbsthingabe des gottmenschlichen Messias ihre Vollendung erhalten sollte. (Fortsetzung folgt.) Die Macht der Thräne. Es war im voriqen Jahrhunderte, da saß ein Schneider in Schlesien in seiner Werkstatt. Wie er so sitzt und näht, so klopft's an und kommt eilt Israelit, ein junger Student, herein und will einen Anzug angemessen haben. Der Schneider grüßt, nimmt das Maß und die große Scheere zur Hand und fängt an. Aber als er den stattlichen jungen Mann so ansieht, kommt dem frommen Meister der Gedanke: Ach, in dem schönen Leibe ist doch keine Seele mit Trost und Freude und rechter Zuversicht im Leben und im SterbenI Und der Schneider weiß nicht, was ihn ankommt, es wird ihm so eigen zu Mute, so ganz wehmütig. Und ehe er sich's versieht, hat er eine Thräne im Auge, und so nimmt er das Maß. „Nun, Meister, was habt Ihr?" fragte der Student. „Lieber Herr," sagte der Schneider, „nehmt's nicht übel, aber wie ich Euch da so ansah, da that's mir so leid, daß Ihr das Glück nicht habt, ein Thrist zu sein." Der junge Mann ging fort, aber die Thräne ging mit ihm, ging ihm nach, blieb ihm vor Augen. Er kaufte sich ein Neues Testament, er las und forschte, bekehrte sich zu Ehristo und ließ sich taufen. Er ging nach Halle und studierte Medizin. Und wenn er