Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 48 (1892)
- Issue
- 3 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Der emgeökiche ArLuakmord in Damaskus. In einer Zeit, in welcher mit Hinweis auf den Aantener Knabenmord („D. L." \So)2t 5. 7) die mittelalterliche Blutanklage gegen die Juden von vielen weiten erneuert wird, dürfte es unfern Lesern willkommen sein, einen zuverlässigen Bericht über den vor 2 Jahren in Damaskus vorgefallenen angeblichen Ritualmord zu erhalten. Unser Gewährsmann ist der dortige Missionar der £. I. M., Herr I. Segall. Nach seinen Mitteilungen in „Hie I. IntelliZenee" (^890, S. 86) und im 83. Jahresbericht der Gesellschaft (^89^ S. \20 f.) liegt folgender Thatbestand vor: Am 7. April WO. dem Ostermontag, 2 (vom Erebh pesach ab gerechnet 3) Tage nach Beginn des paffafeftes, verschwand ein etwa 7 Jahre alter Lhristenknabe. Alsbald wurden von der christlichen Einwohnerschaft, von den griechischen Orthodoxen, den griechischen und römischen Katholiken, den Maroniten und Armeniern, sowie von manchen Protestanten, die Juden hierfür verantwortlich gemacht. Man forderte allgemein Genugthuung. Ohne das kräftige Auftreten der Behörden und des englischen Konsuls wäre die jüdische Bevölkerung der Stadt in größter Gefahr gewesen. Im ganzen Iudenviertel und an allen Eingängen zu demselben wurden Soldaten aufgestellt. Rein EKrist durfte diesen Stadtteil betreten, welchen Vorwand er auch haben mochte. Die Inden erhielten die Weisung, sich so viel als möglich in ihren Hänsern aufzuhalten. Diejenigen, welche sich genötigt sahen, draußen ihrem Lebensunterhalt nachzugehen, wurden unmenschlich behandelt, wenn sie in die Hände der wütenden Menge sielen. Ein Zögling der Segall'schen Missionsschule wurde auf dem Wege in dieselbe angegriffen, hatte aber noch so viel Kraft, sich in den Schulhof zu schleppen, wo er dann ohnmächtig zusammenbrach. Lin 70—80jähriger Jude wurde bei der Rückkehr aus einem benachbarten Dorf von einem Volkshaufen überfallen, von seinem Esel heruntergezerrt und dermaßen geschlagen, daß er halblot auf der Straße liegen blieb. Dem Ansinnen der Eltern des getöteten Knaben, alle jüdischen Häuser durchsuchen zu lassen, gab der Gouverneur nicht nach, versprach aber, alles zu thun, um in die dunkle Sache Licht zu bringen. Am v*. April wurden 3 Iudenhäuser durchsucht. Am ^5. fand man die Leiche des vermißten Knaben in einem Brunnen. Der letztere liegt in einer einem Christen gehörigen Wagenremise am Eingang in das Iudenviertel. Fast alle Ärzte wurden aufgefordert, bei der Untersuchung der Leiche zugegen zu sein. Der europäische, vr. Mackinnon aus Ldinburg, war gerade abwesend und konnte nicht teilnehmen. Lin Bericht über das Ergebnis der ärztlichen Prüfung wurde nicht veröffentlicht. Ob das Kind von selber in den Brunnen gefallen oder zuvor getötet und dann hinabgeworfen worden sei, weiß man also nicht. Aber jedenfalls können „die Juden" nicht als Urheber des Mordes gelten. Segalls Gründe dafür sind: 0 der Platz, an dem die Leiche gefunden wurde. Jüdische Mörder hätten diese hier schwerlich verbergen können, da der christliche Besitzer der Remise, welcher seine wagen vermietet, beständig entweder selber dort ist oder von einem seiner Leute vertreten wird, und da sich außerdem der Remise gerade gegenüber eine Kaserne befindet, vor deren Eingang eine Schildwache steht. Dazu kommt, daß sie einem Brunnen, welcher täglich gebraucht wird, ein solches Geheimnis nicht anvertraut hätten. Sie hätten sich sagen müssen, daß die Verschlechterung des Wassers die Äufmerksamkeit auf sich ziehen und Nachforschungen verursachen würde. 2) Auch die Zeit des Mordes widerlegt die Anklage. Gesetzt, die Juden thäten wirklich- Blut in das Gsterbrot oder gebrauchten es zur Erinnerung an das Osterlamm, so waren am 7. April beide Gelegenheiten vorüber. (Das ungesäuerte Brot wird bekanntlich einige Zeit vor dem Fest bereitet und das Gedächtnis der Tötung des Lammes am Paffaabend und am folgenden Abend gefeiert.) Dem Einwand, daß der Mord im Hinblick auf das nächste passafest verübt worden sei, begegnet Segall mit der Behauptung: Die Juden, die dann ein ganzes Jahr vor sich gehabt hätten, wären nicht so unvorsichtig gewesen, ein solches verbrechen zu begehen, nachdem erst kurz zuvor die allgemeine Aufmerksamkeit auf einen ähnlichen Fall in Smyrna gelenkt worden war und ein in arabischer Sprache erscheinendes Beiruter Iesuitenblatt erst W Tage früher diesen Gegenstand behandelt hatte. Daß aber die obige Voraussetzung Segalls hinfällig und ein Ritualmord unoenkbar ist, weiß jeder, der ohne Voreingenommenheit das Judentum studiert hat.