Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 47 (1891)
- Issue
- 12 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Ein unbeschreiblich schöner Anblick bietet sich dem Reisenden an dieser Stelle. Inmitten einer großartigen Gebirgslandschaft blickt ihn das blaue Auge des Galiläischen Meeres an und ruft ihm ins Gedächtnis, was vor bald J900 Jahren auf seinem Wasser und an seinen Ufern geschah. Das ist der See, den Jesu Fuß betrat, dem Jesu Mund gebot, von dem aus er die am Gestade stehende Zuhörermenge über das Himmelreich unterrichtete, und der so viele seiner Wunderthaten sah. Hier vornehmlich erfüllte er die Weissagung von dem Heil, welches dem „Gelil haggojim", dem heidnischen Galiläa, gebracht werden sollte (Mat. H, ff.). An das Nordende des Meeres verlegte er nach seinem Scheiden von Nazareth, welches in die erste Zeit seines öffentlichen Wirkens fällt, seinen Wohnort. Nicht der ganze See war von meinem Aussichtspunkt aus sichtbar. Der südliche Teil wurde von einem jenseits der Stadt Tiberias vorspringenden Höhenzuge verdeckt. Das Meer ist 2\ km lang und bis zu \2 km breit. Sein Flächeninhalt beträgt (70,7 qkm. Die tiefste Stelle befindet sich 250 m unter dem Spiegel, welcher seinerseits 208 m unter dem Mittelländischen Meere liegt. Wegen der eigentümlichen Gestaltung des Beckens heißt der See im Alten Testament „Jam Rinnoreth" oder „Jam Rinneroth (Rinnaroth)" von dem hebräischen Wort „Rinnor" (xivvqcc), Zither. Daraus entstand der Name „See Gennesaret" oder „Genezaret". Die Araber nennen ihn „Bahr Tabarije", See von Tiberias. Der Mukari hielt nach dem letzten gemeinsamen Mahl, welches wir an dieser schönen Stelle eingenommen hatten, neben mir im Grase liegend ein Mittagsschläfchen, während ich Natur und Geschichte auf mich wirken ließ. Dann wurden wieder die Pferde bestiegen und wir legten nun die letzte Strecke der Reise, die wir zusammen unternommen hatten, zurück. Die überraschend gute Straße, die hier anfängt und nach Tiberias führt, fällt tief zum Meere ab. Nach einerhalben Stunde, nachmittags um 2 Uhr, rittten wir in das Hauptthor der Stadt, um welche sich eine altersgraue Mauer zieht, hinein. Lin Jude zeigte uns den Weg in das Haus des schottischen Mitsionars L., der mehrere Jahre zuvor in Breslau mein Gast gewesen war, und dem ich nun hier meinen Gegenbesuch machen konnte. Sein prächtiges, neues Haus liegt dicht am See, außerhalb der eigentlichen, enggebauten Stadt, aber noch innerhalb ihrer Umfassungsmauer. Ls war ein fröhliches Wiedersehen, welches wir Amts- und Glaubensgenossen am Ufer des Galiläischen Meeres mit einander feierten. Frau L. wetteiferte mit ihrem Gemahl darin, mir den Aufenthalt in ihrem Hause alsbald angenehm zu gestalten. Auch ein schottisches Lhepaar aus Safed, welches durch die Regengüsse von dort vertrieben war und hier eine Zufluchtsstätte gefunden hatte, kam dem Mitgast liebevoll entgegen. Als der Mukari seinen Pflegebefohlenen glücklich abgeliefert, auch den Rest der für die Reise vereinbarten Summe, sowie den wohlverdienten Bachschisch erhalten hatte, verließ er mich. Ich bewahre diesem Muhammedaner ein dankbares Andenken. Schwerlich hätte ich einen