Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 47 (1891)
- Issue
- 2 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Chronik I. In Breslau starb nach schwerem Leiden Rabbiner Dr. Joel. — Der Rabbinatskandidat Bernstein (vgl. „D. E." ^890, S. 38) wurde aufgrund eines Gutachtens der wissenschaftlichen Deputation aus der Untersuchungshaft entlassen. Nach demselben leidet B. an religiösem Wahnsinn. — Die Bitte des preußischen Herrenhauses um Erwägung von Maßregeln zur Beseitigung der., aus der Überzahl jüdischer Schüler in den höheren Lehranstalten erwachsenden Übelstände wurde von der Regierung abschlägig beschieden. — Ünter den im neuesten Iustizministerialblatt zu Oberlandesgerichtsräten ernannten Personen befindet sich ein Jude. Ls ist dies in Preußen der erste Fall der Art. — Zur Abwehr des Antisemitismus hat sich in Berlin ein Verein gebildet, zu dessen Vorstand u. a. Prof. v. Gneist gehört. Am \7. Dezember v. I. war ein Jahrzehnt vergangen, seitdem hier mit einer Rede Henricis die antisemitische Bewegung begonnen hatte. — Im September wurde eine judenfeindliche Broschüre des früheren Rektors Ahlwordt von der Polizei in Beschlag genommen. — In der von vr. S. Leon veröffentlichten Schrift „Unser heutiges Judentum" empfiehlt der jüdische Verfasser feinen Glaubensgenossen die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, sowie die Verminderung der Feiertage. — Äm 25. November veranstaltete der deutsche Reformverein in Bremen fettte erste größere Versammlung. Gegenüber den Anklagen, welche der Abg. Liebermann v. Sonnenberg bei dieser Gelegenheit gegen die Juden vorbrachte, nahm ein Zuhörer dieselben in Schutz. — Die Regierung in Rassel ließ den Rreisschnlinspektoren eine Verfügung zugehen, laut welcher dieselben dem Antiseinitismns entgegentreten sollen. — Der Großherzog von Hessen-Darmstadt empfing eine Deputation der israelitischen Gemeinden Darmstadt, Gießen und Mainz. Einige Tage später ließ er derselben sagen, er habe von den seit einiger Zeit in mehreren Teilen des Großherzogtums stattfindenden, von außen hereingetragenen, gehässigen Anfeindungen seiner israelitischen Unterthanen mit Bedauern Kenntnis genommen, mißbillige dieselben auf das ernstlichste und erwarte von dem sonst gesunden und christlichen Sinne der beteiligten Kreise ein baldiges Aufhören jener gehässigen Angriffe, hierzu werde übrigens wesentlich beitragen, wenn der sittlich höher stehende Teil der israelitischen Bevölkerung es sich nach Kräften angelegen fein lasse, den Ursachen zu Klagen über die Handlungsweise mancher seiner Glaubensgenossen nachznforschen und mit den geeigneten Mitteln abzuhelfen. In den ihnen verfassungsmäßig und gesetzlich zustehenden Rechten würden nach dem Willen des Großherzogs feine israelitischen Unterthanen ebenso geschützt werden, wie diejenigen anderer Bekenntnisse. Schon einige Wochen vor dieser Kundgebung erschien ein gegen den Antisemitismus gerichteter Erlaß des hessischen Ober- Konsistoriums. — Die Landtagswahlen in Wien und im übrigen Niederösterreich zeugen von der Zunahme der antisemitischen Bewegung. Auf dem österreichischen Antisemitentage im Dezember fehlten die ungarischen und französischen Antisemiten gänzlich, von den deutschen war nur Böckel erschienen, dessen Rede auf eine Versöhnung der Partei Schönerers mit vergani, der ins christlich-soziale Lager übergegangen ist, abzielte. — In Rzeszow (Galizien) wurde ein christlicher Kurpfuscher, welcher jüdische Gräber geöffnet hatte, um mit den Gebeinen den Typhus aus den Däusern wegzuräuchern, zu fünfmonatlicher Gefängnisstrafe verurteilt — Am j^. September fand in Bukarest die Einweihung einer neuen Synagoge statt. — Das Petersburger Blatt „Nowoje wremja" ruft den Teilnehmern an der am ^0. Dezember in London zu Gunsten der russischen Juden abgehaltenen Versammlung unter Hinweis auf Irland ein „Hände weg!" zu und verteidigt die gegen die Juden erlassenen Ausnahmegesetze. — Die Karäergemeinde in Warschau zählt gegen 2000 Mitglieder. Die russische Regierung erlaubte ihr die Anlegung eines eigenen Friedhofs. — Der jüdische Professor Philippson, der zeitige Rektor der Universität Brüssel, mußte infolge feindlicher Kundgebungen von Studenten die Universität verlassen, ohne seine Vorlesungen halten zu können. Er sah sich hierdurch genötigt, um seine Entlassung zu bitten. — Zu Mersen in Holland erscheint seit kurzem eine antisemitische Zeitung: „De Talmudjoodj". — Auch in Paris ist ein neues Organ des Antisemitismus ins Leben getreten, eine Zeitschrift, welche Gesellschaft und Religion gegen jüdische Angriffe schützen will und deren Wahlspruch lautet: „Für Gott und Frankreich". Das erste Heft dieser „^.Ilianee antis.“ schildert u. a. die antisemitische Bewegung in Frankreich. — Dom Pedro,