Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 46 (1890)
- Issue
- 12 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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9§ „Ls wurzelt ein Baum tief im preußenland." Der Kronprinz trat in die weitgeöffnete Thür, und ein Lächeln überzog sein Antlitz, als er die seltsame Kriegerschar der armen, lahmen, krummbeinigen, kranken Knaben erblickte, welche in ihrem Soldatenschmuck mit ihren Fahnen in gravitätischer Haltung vor ihm paradierten. Der ^jährige Wilhelm Koll, welcher sieben Monate vorher halb blind und als ein Bild des Jammers angekommen, inzwischen aber schon ein wenig wieder aufgeblüht war, ward ihm als ein Patenkind des Kaisers und. Königs bezeichnet. Sofort schritt der Kronprinz in die Mitte der Knaben, nahm den erstaunten kleinen Burschen auf den Arm, liebkoste ihn und ließ ihn nach Herzenslust mit den strahlenden Orden ans seiner Brust spielen, während die übrigen Kameraden ihre Trommel rührten, pfeifen bliesen, Fahnen schwenkten, Flinten und Säbel präsentierten. Liner der jungen konnte nicht flink genug mit seinem Sarras aus der Scheide kommen; mitleidig half ihm der Kronprinz die halb verrostete Klinge ans Tageslicht bringen und sagte dann lächelnd, mit Anspielung auf die predigt: „Nun, mein, Sohn, Du hast wahrlich ein rechtes Friedensschwert!" Dann ließ er sich, das Patenkind seines Vaters noch immer auf dem Arm, zunächst die Diakonissen vorstellen, welche in den drei Kriegen mit Dänemark, Österreich und Frankreich oder im fernen, von ihm besuchten Grient thätig gewesen waren. „Aber nun wird es Zeit", sagte der hohe Besucher endlich, das Patenkind sanft niedersetzend, „die verschiedenen Däuser zu durchwandern." Und so ging's denn durch die Krankensäle und übrigen Räume des Mutterhauses, dann in das Seminar, Asyl, die Diakonissenschule und ins Paul-Gerhardt-Stift. Nur die Däuser außerhalb der Stadt konnten wegen Mangels an Zeit nicht besucht werden. Überallhin brachte dev Kronprinz durch seine treffenden Fragen und Bemerkungeil, sowie durch sein wahrhaft leutseliges und doch königliches wesen Freude und Sonnenschein. Auch dem Gaste muß der Besuch im Mutterhause im Gedächtnis geblieben sein, denn am h. Abend J88^ kam von seiner Hand eiu Lhristgeschenk für die Kaiserswerther Schwestern. Ls war sein wohlgelungenes Bildnis, groß und prächtig, mit der eigenhändigen Unterschrift: „Zur Erinnerung an den 2\. September ^88H." Welchen Dienst Leistet die Indenmisston der Kirche? Daß es nicht so sehr auf ein Zeugnis durchs wort, sondern vielmehr durch den Wandel im Glauben und Gehorsam ankommt, das lernt die Kirche durch nichts so nachdrücklich, als durch ihre Arbeit an Israel. Israel wäre nicht so verschlossen gegen die Wahrheit des Evangeliums, wenn es dessen Kräfte im Wandel der Christenheit allezeit lebendig und handgreiflich vor Augen sähe, wenn heute noch mitten unter der Christenheit Hunderttausende von Juden in ihrem Unglauben verharren, so fällt diese Thatsache unter allen Umständen als eine Schuld auf. die Christenheit, welche in ihrem eigenen Schoß so spärliche Früchte des Glaubens zu zeitigen vermag. Die vielberusenen dürftigen Erfolge der Iudenmission stehen in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zu der Dürftigkeit unseres eigenen Glaubenslebens. An diesen wenig befriedigenden Erfolgen wird die Kirche des Defizits in ihrem eigenen Soll und Haben inne. So wird unsere Arbeit an Israel zu einem unvergleichlich kräftigen Antrieb für uns selbst, Buße zu Ihun für unfern Ungehorsam und darauf zu achten, daß unser Glaube nicht zu einem bloßen