Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 46 (1890)
- Issue
- 9 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 2 Stunden bei mir, dieselben Fragen durchsprechend. Sie wurden regelmäßige Forscher und ich glaube auch aufrichtige. Bei einer Gelegenheit war die Zahl der Besucher zu groß für mein Zimmer: ich mußte sie auf die Veranda einladen, wo ich nun einen Gottesdienst nach Ordnung der englischen Kirche hielt, d. h. die Morgengebete aus dem Allgemeinen Gebetbuch auf hebräisch las und dann eine Ansprache über Ioh. 3 hielt. Meine Gemeinde sprach mir die Psalmen nach und verhielt sich während der ganzen Handlung sehr ehrerbietig. Obleich der Gottesdienst nur für meine Besucher gehalten wurde, so hatten doch auch meine jüdischen Nachbarn Nutzen davon. Unterhalb der Terrasse ist ein Garten, der meinem Wirt, einem Juden, gehört. Aus dem Sommerhaus war eine Art Laubhütte gemacht, wo die ganze Familie während des Laubhüttenfestes wohnte. Als meine Versammlung stattfand, verließen sie alle die Hütte und hörten im Garten stehend meine Ansprache und die hebräisch gesprochenen Gebete an. Auch die angrenzenden Terrassen waren voll von jüdischen Männern, Frauen und Kindern, welche vielleicht aus Neugierde herzukamen, um Zeugen zu sein von der ihnen fremden Handlung. Alle aber benahmen sich ehrerbietig; nur einer sprach seine Mißbilligung über das Betragen meiner Besucher aus, welche sich weigern, in die Synagogen zu gehen und doch hierher kommen, um zu beten. Am zweiten Abend des Laubhüttenfestes wurde ich eingeladen, den Abend in der Sukka (der Laubhütte) meines Wirts zuzubringen. Ich fand hier ziemlich viele Gäste, die, in reiche orientalische Gewänder gekleidet, um ein lange Tafel saßen. Nach einer sehr schmeichelhaften Vorstellung durch meinen Wirt wünschte mir jeder Gast „Solam", Frieden. Mein Wirt verließ hierauf seinen Platz und setzte mich auf denselben, was als eine große Ehre betrachtet wurde. Ich muß gestehen, daß ich ziemlich verlegen war als ein Fremdling in solcher Gesellschaft. Aber einer der Gäste erinnerte mich indirekt an meinen Beruf, indem er mich einlud, ihnen „Thorah" zu geben, d. h. etwas aus der Bibel vorzulesen. So las ich Amos 9/ „Zu derselbe?: Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten" — und erklärte die Stelle gemäß der Lehre der Rabbiner, welche zugeben, daß sie sich auf das Kommen des Messias, des Sohnes Davids, bezieht. Ls folgte eine interessante Lrörterung mit Bezug auf Thristum, bis ein junger Jude, des Gesprächs wahrscheinlich müde, einen Granatapfel ergriff und ausrief: „Gesegnet sei Israel, weil der HLrr ihm so viele Gebote gegeben hat, als Kerne in dieser Frucht sind." Der Granatapfel soll 6\o Kerne haben, und Israel hat nach den Rabbinern 6\3 Gebote. Aber ich zeigte ihnen aus der Bibel, daß Israel die Gebote Gottes nicht gehalten hat und niemals halten kann, und daß Christus allein der Urheber und Vollender des Gesetzes ist. Ich verbrachte einen, wenn man ihn vom Gesichtspunkt des Missionars betrachtet, sehr glücklichen Abend, da ich fest glaube, daß einige meiner Zuhörer einen guten Lindruck erhielten. Lhe ich sie verließ, führte mich der Wirt auf die Seite und sagte: „Da alle Ihre Kinder das Fieber bekommen haben, so können Sie Ihre jüdischen Besucher in mein Sommer-