Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 46 (1890)
- Issue
- 9 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 können wir es wohl. Denn kurz vor seinem Ende erhebt er sich im Bett, und mit kaum vernehmbarer Stimme fängt er an zu singen: wohin. o müder wand'rer Du? Kehr' heim ins Vaterhaus! Du findest nirgends sonst auch Ruh', Läufst Du die Welt gleich aus. Kehr' heim mit Deiner wunden Seel' Zum Samariter Dein, Kein Arzt für Dich hat wein und Ol, Als Jesus nur allein. Kehr' heim mit Deinem Heimwehschmerz In Seinen Friedensschoß, wer nicht zu Haus am Heilandsherz, Bleibt ewig heimatlos. Kaum waren die letzten Töne dieses Schwanengesanges verklungen, als des Sängers Seele vor ihren Schöpfer trat. Denken wir an Schächersgnade! wo die Sünde mächtig geworden, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. III. In der Mitte der Marienstraße in Hannover liegt der für den öffentlichen Gebrauch längst geschloffene Friedhof bei der Gartenkirche. Ls hat einen eigentümlichen Reiz, zwischen den verwitterten, versinkenden Steinen und Kreuzen dieses in der Großstadt liegenden pfadlosen Kirchhofs über versunkene, vergessene Grabhügel hinweg zu pilgern.' Vorbei an dem Grabmal von Werthers Lotte, der Freundin Goethes, gelangen wir bald zu einem eigenartigen Grabmal. Ls trägt zwar keinen Namen, der in der Welt hochgepriesen ist, noch hat es einen besonderen Kunstwert, doch ist es so eigentümlich wie kaum ein zweites. Das Grabmal ist ein außerordentlich großer Block, ganz aus Sandsteinen gefertigt, der sich ziemlich plump auf zwei Stufen erhebt. Auf dem Block ist ein Leichentuch eingemeißelt, auf welchem die Worte stehen: „Henriette Juliane Karoline von Rüling, geborne von willich, geboren zu Nienburg, den ld- Januar \756f gestorben zu Hannover, den \5. April 782. Sie gebar dem Himmel drei Söhne, wandelte schon hier, wie sie dort wandelt, und durfte eilen in ihr Vaterland." Auf der Rückseite stehen folgende Sätze: „Trennung ist das Los der Menschen, früh verlassensein das bitterste. Dämmerung wird das übrige Leben, Tod des Morgens Aufgang, ewiges Licht das Wiedersehen — Georg Lrnst von Rüling." Der trauernde Wittwer hat also die geliebte Tote mit jenen Tugenden geschmückt, die man so häufig bei Särgen ausposaunt, aber selten im Leben findet. Auf der einen Stufe dieses Denkmals sind außerdem die bemerkenswerten Worte eingegraben: „Dieses auf ewig erkaufte Begräbnis darf nie geöffnet werden." -- Und doch ist dieses Grab gesprengt worden — wundersam: nicht durch frevelnde Menschenhand, nicht durch Feuer des Himmels, auch nicht im Brausen zerstörender Wasserfluten. Lin einziges, unscheinbares Samenkörnchen war es, das stark genug, war, die Ohnmacht des Menschenwillens, die Thorheit dieser Inschrift zu zeigen. Zwischen dem eigentlichen. Denkmal und dem Fuß desselben ist aus einer Fuge heraus eine Birke gewachsen, frisch und munter. Sie ist mannesdick geworden, hat ihren Fuß auf den Fuß des Denkmals gesetzt, dieses selbst stark auf die Seite geneigt, obwohl es viele Zentner schwer ist, und die dicken eisernen Stangen, welche als Stütze des Denkmals dienen, sind verbogen. Der Baum mit schöner Krone steht fast mitten im