Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 46 (1890)
- Issue
- 3 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 begrüßt und war ein Ereignis, welches die Türkei bis in ihre Tiefen bewegte. Ihre Wirkungen können nur einen guten Einfluß haben. Mehrere Tage lang hörte der Handel der Stadt auf, und jede Arbeit, sogar die Erfüllung heiliger Pflichten wurde sehr unterbrochen. Die Wege und Straßen wurden von der Million Einwohner belagert, die stundenlang dastanden und eifrig darauf warteten, etwas von den kaiserlichen Besuchern zu sehen, während die Truppen und die Polizei zu Fuß und zu Pferd das Fahren und Reiten, ja, sogar das Gehen auf dem breiten Wege verhinderten. Eines Sonntags mußte ich, da ich den Zustand des Weges nicht kannte, fast die ganze Strecke gehen — wenigstens 5 (engl.) Meilen, um mit dem Dampfer nach Haskeuy zu fahren. So gerne wir alle auch die hohen Gäste unter uns wandeln sahen, so waren wir dennoch froh, als die Straßen ihr gewohntes Aussehen wieder erhielten. Um jeden unangenehmen Einblick zu vermeiden, wurde der Weg von Dolma Baktche, wo das Käiserpaar landete, bis nach pildiz, dem Sitz des Sultans, von Bettlern, Kunden und eingeborenen Frauen mit bedeckten Gesichtern gesäubert. Etwas Neues und zugleich Erfreuliches war es für Europäer und eine große Überraschung für Türken, den Sultan der Gläubigen, den Kalifen oder Stellvertreter Muhammeds in einem offenen Wagen fahren zu sehen, während eine christliche Kaiserin zu seiner Rechten saß! Der Sultan sparte keine Mühe und Ausgabe, um die Aufnahme nach besten Kräften und nach dem besten Rar seiner europäischen Ratgeber anzuordnen. Die kaiserlichen Gäste gaben ein gutes Beispiel, indem sie dem Gottesdienst am Sonntagmorgen beiwohnten. Ein Stadtblatt bemerkt: „Ihre tiefe Andacht ist wert, von allen, die Zeugen derselben waren, nachgeahmt zu werden." Der Kaiser und die Kaiserin zeigten auch großes Interesse an den deutschen Schulen. „Wo ist unser König," fragten einige der Insassen unserer Anstalt für Mädchen, als meine Frau sie nach pildiz führte. Sie gingen in der Hoffnung, die Königsfamilie zu sehen, und waren von ihrem Erfolg sehr befriedigt, besonders da sie eine gnädige Verbeugung für ihren Gruß und ihr Hurrah erhielten. „Wo ist unser König?" Diese überraschende, rührende Frage, welche die Jugend gestellt hatte, wurde im Innern der Anstalt ausführlich und befriedigend beantwortet. Man konnte sie auch in andern Teilen der Stadt hören. An Bord des „Vorwärts", eines der Lloyddampfer, die man gemietet hatte, um den Kaiser und die Kaiserin auf dem offenen Marmarameer zu begrüßen, waren die meisten Passagiere spanische und deutsche Juden, obgleich es Sonnabend war. Auch ich hatte mir eine Fahrkarte verschafft. Die See war ruhig, aber das seltene, unbeschreibliche Schauspiel, der Vortrag jener Melodie, welche ebenso den englischen wie den deutschen Nationalgesang bildet, der Gedanke, daß jener mächtige Monarch der Lnkelsohn der Königin Viktoria von England ist, die betäubenden Hurrahrufe, die Begrüßung: „Gott segne den Kaiser!" — alles das brachte Bewegung in manche Kerzen, und ich sah Thränen auf manchen Gesichtern. Möge aus dieser Frage: „Wo ist unser König?", die wie