Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 46 (1890)
- Issue
- 2 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zunächst ist es verkehrt, das Gebot der allgemeinen Menschenliebe als Hauptgrundsatz der jüdischen Religion zu bezeichnen. Wie in jeder Religion kommt es in der jüdischen hauptsächlich auf die Regelung des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen an. Der demütige Wandel vor Gott ist die Seele der Religion. Aus dem richtigen Verhalten zu Gott, der Religion, fließt das richtige Verhalten zu den Menschen, die Moral. Religion und Moral sind zweierlei Dinge. . Sodann ist es zwar sehr erfreulich, daß das vom Christentum beeinflußte Judentum der Gegenwart die Forderung der Nächstenliebe auf alle Menschen ausdehnt, allein vom alten Judentum kann dies nicht gesagt werden. Das letztere bezog jene Forderung nur auf die Volksgenossen. Vergleichen Sie darüber die Schrift von Prof. Strack: „Herr Adolf Stöcker" ic. \885, S. 5; ferner in desselben „Nathanael" von \885 die Aufsätze über den Schulchan Aruch, auch Dr. Heynemanns „Briefe eines jüdischen Getauften", Leipzig \886, 5. 6. 28 f. und Dr. Webers „System der altsynagogalen palästinischen Theologie", Leipzig \880, S. 56 ff., 6H ff., 6Z 'ff., ^7 f. Zn der ersten der genannten Schriften, S. finden Sie auch den Nachweis, daß die jüdische Vorstellung von der Lhe erst im Jahrhundert unserer Zeitrechnung einer höheren, der christlichen, Platz gemacht hat. Erst Gerschom ben Zuda, gest. n. Lhr., verbot die Vielweiberei. Zn Zhren die „Grundsätze" begleitenden Zeilen geben Sie zu, daß der Übertreter des göttlichen Gesetzes der göttlichen Gnade bedürfe. Wer nicht das ganze Gesetz hält, ist ewig verloren und da niemand das Gesetz in seinem ganzen Umfange beobachtet, erwartet jeden das Los der Verwerfung. Nun bestreiten Sie aber, daß man in der durch Christum angebotenen Vergebung die Bewahrung vor diesem Verderben erlange. Nach Zhrer „Ansicht" kann man die Versöhnung mit Gott „sicherer" beim Vater erlangen, also offenbar durch das an den heiligen Gott gerichtete Bußgebet. Aber stimmt diese Zhre Ansicht mit der von Gott selbst geoffenbarten Heilsordnung überein? Ls ist doch sicherlich unsere Pflicht, in solchen Dingen alle Privatansichten den göttlichen Willenserklärungen unterzuordnen. Gott läßt uns durch seine Boten bezeugen, daß die Versöhnung für die Zeit des alten Bundes an die Darbringung von Tieropfern, für die Zeit des neuen Bundes an den Tod des Messias geknüpft sei. Nach Zes. 53 wird jetzt der mit Gott versöhnt, welcher an den für uns getöteten Messias bußfertig glaubt. Daß die von Gott zum Heil der Sünder beschlossene Eingabe des eingeborenen Sohnes zugleich mit der schwersten Sünde Zsraels zusammenhängt, der Verwerfung seines größten wohlthäters, dazu ist die Geschichte Zosephs ein (allerdings unvollkommenes) Seitenstück. Nach Gottes Rat sollte Zoseph in Egypten für das dortige Volk, wie fürfeine eigene Familie zum Segen werden. Die schwere Sünde seiner Brüder blieb aber natürlich trotzdem bestehen und verwandelte sich nicht in ein „Verdienst". Ebensowenig ist den Anklägern und Mördern Zesu um der guten Folgen ihrer That willen ein Verdienst zuzuschreiben, wegen jener himmelschreienden Frevelthat wird Zsrael immer noch