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Dibre Emeth · 1889-01-01 · 12 (1889) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
45 (1889)
Issue
12 (1889)
Date
1889-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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9 2 „U)en da dürstet, der komme zu mir!" hiermit spricht der HLrr es unumwunden aus, daß ein tiefes, inneres verlangen es sein müsse, was uns zu ihm leiten soll. Und der Mensch, der sich nur einigermaßen recht erkennt und klar durchschaut, der sein Verhältnis zu Gott, zu seinen Mitmenschen, zu dieser Welt und den Versuchungen und Anfechtungen, die ihn in derselben umlagern, prüfend beachtet, der auch seine hauptsächlichste Lebensaufgabe und namentlich sein hohes und herrliches Ziel der Vollendung ins Auge faßt, der wird sich jenes verlangen nicht verschweigen können, in dem wird es sich geltend machen, und je mehr er darauf achtet, desto gewaltiger wird es sich geltend machen. Ls ist dies ein verlangen nach Wahrheit, nach der Wahrheit, die seinen Geist über die erhabensten Angelegenheiten seines Lebens erleuchtet und im Kampfe mit verschiedenen Meinungen und Anschauungen den Sieg davon trägt. Ls ist dies ein verlangen nach Frieden, nach dem beseligenden Frieden, der uns mit Gott versöhnt, mit den Menschen vereint, unter dem Kreuz und in allere Anfechtungen reichen Trost uns spendet. Ls ist das verlangen nach Gerechtigkeit, nicht nach der Gerechtigkeit, die bloß vor den Augen der Menschen als solche gilt, sondern nach einer solchen, die nach innen und außen probehaltig ist, und mit der wir auch vor Gott bestehen. Ls ist das verlangen nach Freiheit, nicht nach der Freiheit, die der Willkür und Zügellosigkeit gleicht, sondern nach der Freiheit, die das Gewissen an die ewigen Ordnungen Gottes bindet, aber die Fesseln der Sünde bricht und selbst die sündliche Begierde, wenn sie im Kerzen sich regt, hinauswirft und untertritt. Ls ist ein verlangen nach Kraft, die bei der Erfüllung der Berufspflichten, beim Kampf mit Welt und Sünde die Menschen nicht unterliegen, sondern obsiegen läßt. Ls ist redliches verlangen nach der Hoffnung, die uns in den schwierigsten Lebenstagen nicht verläßt, sondern mit freudiger Zuversicht erfüllt, ja deren Leuchte selbst in der Todesstunde uns nicht erlischt. Solch ein verlangen, solch eine Sehnsucht soll uns veranlassen, zu Christo zu kommen und in seine Kirche einzutreten. Darum spricht er: wen da dürstet, der komme zu mir. „Und es trinke, wer an mich glaubt!" Siehe da, die hauptsächlichste Bedingung, unter welcher der Dürstende nun zum frischen Trunk gelangt, unter der das tiefe Verlangen nun gestillt wird: es ist der Glaube! Siehe, mein Sohn, wenn ein Wanderer ein steiles Gebirge oder wüste Ebenen durchwandert, da sehnt er sich gar bald nach einem frischen und erquickenden Trunk, wer nun aber einen frischen Euell rauschen hört, der in großer Tiefe liegt, der wird seinen Durst doch nicht stillen können, es sei denn, daß er ein Gefäß besitzt, welches er in die Tiefe hinabläßt, und mit dem er schöpft und dann den frischen Trunk sich zuführt. Lbenso ist es bei dem Christen. Auch er muß durch Mühe und.Arbeit, durch Kampf und Streit, durch die Wüstenei tiefer Welt hindurch, und dabei wird der Geist müde und das Herz matt. Da sehnt er sich nach geistiger Erquickung. Und das Christentum ist für ihn ein frischer Huell, aber derselbe liegt tief, sehr tief.

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