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Dibre Emeth · 1889-01-01 · 10 (1889) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
45 (1889)
Issue
10 (1889)
Date
1889-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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75 Judentums zweifelnd, aus seiner Geneigtheit zum Übertritt in die christliche Kirche keinen Hehl machte. Dieser Streit rief einen lang andauernden Zwiespalt zwischen den beiden Verwandten hervor. Wiewohl aber G. als hitziger Gegner seines Schwagers auftrat, war doch der Stachel in seine Seele geworfen. Sein rastlos strebender, nach Wahrheit ringender Geist, fein klarer, durchdringender Verstand und sein tiefes Gemüt konnten nicht stehen bleiben bei dem, was er damals besaß. In ein stilles Giebelstübchen seines Dauses zog er sich Stunden und Tage lang zurück, um hier, ungestört von dem Lärm der Außenwelt, feinen Geist in ernste Studien zu versenken. Zunächst war es die deutsche Sprache, welche G. zu erlernen strebte. Mit den allergeringsten Hilfsmitteln versehen, gelang es seinem eisernen Fleiße, sich dieselbe in Wort und Schrift anzueignen. Was aber die Religion betrifft, so durchforschte er neben den Schriften des Alten jetzt auch die des Neuen Testaments. Bald fand der aufrichtige Forscher in diesen letzteren das frische Wasser des ewigen Lebens. Mehr und mehr überzeugte er sich von den Irrlehren des Talmuds, und immer klarer durchschaute er den Zusammenhang zwischen dem Alten und Neuem Testament. Während aber die größten und tiefsten Gedanken die Seele des einsamen Forschers erfüllten, der in sein Kämmerlein gegangen war und die Thür hinter sich geschlossen hatte (Matth. 6, 6), fragten sich die Juden in Suwalki, was G. in seinem Stübchen treibe, und kamen auf den Gedanken, daß er sich dort mit verbotenen Dingen beschäftige. Aus seinen Kämpfen ging der junge Goldschmied mit der Überzeugung von der Wahrheit des Thristentums hervor. Nachdem diese ihm selbst erst klar geworden war, konnte er nicht darüber schweigen, sondern bemühte sich, auch seine Verwandten und Freunde zu seinen Ansichten zu bekehren. Doch dauerte es noch längere Zeit, bis ihm Gelegenheit wurde, die letzten Bedenken, welche er in sich trug, Lhristen gegenüber auszusprechen. Linst besuchten zwei Missionare der Londoner Gesellschaft Suwalki. G. trat als scheinbar unerschütterlicher Kämpe des Judentums vor sie hin. Nach manchem heißen Wortgefecht aber mußte er bekennen, daß er von den Missionaren in seinen Einwendungen widerlegt und überwunden worden sei. Seit ihrer Abreise fand er keine Ruhe mehr. Den sieißigen Arbeiter litt es nicht in seiner friedlichen Werkstatt, aus welcher er unwillkürlich eine Katechetenschule für Gesellen und Burschen gestaltet hatte. Der treuliebende Gatte und Vater, dessen größtes Glück in seinem aufblühenden Familienleben bestand, riß sich los von Weib und Kindern, von Haus und Hof, ließ Geld und Gut im Stich, um endlich das Line zu erreichen, wonach seine Seele sich längst sehnte: den öffentlichen Übertritt in die christliche Kirche. Unter dem Vorwände einer Geschäftsreise verließ G. seinen Wohnort Suwalki und wandte sich nach Warschau, dem Mittelpunkt der englischen Mission in Polen. Daß er den Zweck seiner Reise selbst vor seiner Gattin geheim hielt, geschah aus genauer Kenntnis der orthodoxen Fanatiker, welche in solchen Fällen, wie

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