Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 45 (1889)
- Issue
- 9 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 an eine Heirat durfte ich aber nicht hegen, geschweige reif werden lassen. Er war ein Christ und ich mit Leib und Seele eine Jüdin. Ich war mir der ganzen Tragweite dieses Schrittes wohl bewußt und wollte um keinen Preis meiner Familie durch eine Heirat mit einem Andersgläubigen einen Schimpf anhängen. Indessen zog die Zeit auf ihren eilenden Flügeln dahin. Wir kamen häufiger und regelmäßiger zusammen, und am Ende willigte ich ein, alles, was mir in der Welt lieb und teuer war, zu verlassen und ihn zu heiraten. Ehe ich diesen bedeutungsvollen Schritt that, bat ich meinen Bräutigam, niemals Versuche anzustellen, mich zu seinem Glauben hinüberzuziehen. Ich war nämlich fest entschlossen, als Jüdin zu leben und zu sterben. Er gab mir das abgeforderte Versprechen, zugleich mit der Bemerkung: „Ich habe aber nicht versprochen, nicht für Dich zu beten." Aus unserer überaus glücklichen Ehe will ich nichts- Weiteres erzählen, nur das Line erwähnen: mein Gatte war mir mein Ein und Alles; mehr bedurfte ich nicht. Gott segnete uns mit zwer Rindern, und der, der sie uns gab, kann allein den tiefen Schmerz meiner Seele ergründen, der mich bei dem Gedanken erfaßte: Wie soll ich diese Kleinen in jenen Lehren unterrichten, an die ich selbst nicht glaube? Aus Liebe zu meinem Manne hatte ich mir nämlich vorgesetzt, daß meine Rinder in dem Glauben ihres Vaters erzogen werden sollten. Obgleich ich Gottes Haus regelmäßig besuchte, blieb mein Herz unverändert. Niemals dachte ich daran, Jesus könne mein Erretter, mein Erlöser sein. Nachdem aber mein zweites Rind geboren war, regte sich in mir der lebhafte Wunsch, eine Christin zu werden. Zu jener Zeit trug ich mich mit dem beständigen Gebet: „V Gott, wenn es recht und dir wohlgefällig ist, so laß mich glauben!" Meinen Augen war damals noch verborgen, daß, wer den Sohn ehrt, auch den Vater ehrt, und obgleich ich Ähnlichst wünschte, eine Christin zu werden, suchte ich Gott nicht von ganzem Herzen. Mein Gatte und meine Rinder waren ja mein Lin und Alles. Mein Mann war sehr ernst, doch schlicht und einfach. Er lebte in kindlichem Glauben und in kindlicher Einfalt. Von jenem Tage an, wo wir unseren Lhebund schlossen, bis zu jenem Abend, wo wir zum letzten Male niederknieten, hörte er nicht auf, um meine Bekehrung zu beten. O, der Du ungläubige Familienglieder hast, fahre fort, für sie zu beten! Gott wird das Gebet Deines Glaubens erhören, wenn nicht zu Lebzeiten, so doch nach Deinem Tode. Glaube nur! Nun kam eine Zeit der Trübsal und der Versuchung, die ich so schnell wie möglich übergehen muß. plötzlich, in wenigen Tagen, wurde mir mein geliebter Mann entrissen. So schrecklich und so plötzlich kam der Schlag, daß ich kaum denken konnte, er sei für immer dahingegangen. 0, welch eine Kluft trennte uns! Sie schien mir unüberbrückbar. Ich wußte, er war im festen Glauben an seinen Erlöser heimgegangen, und ich, ich war jetzt ebensowenig eine Christin wie an jenem Abend, wo ich ihn zum ersten Male sah. Bitter nnd hart fand ich diese Prüfung, ich murrte wider Gott und lehnte mich auf