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Dibre Emeth · 1888-01-01 · 10 (1888) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
44 (1888)
Issue
10 (1888)
Date
1888-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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78 damals in Paul Lindaus „Nord und Süd" abgedruckten Vortrag über das obige Thema weiteren Kreisen zugänglich. Der berühmte Gelehrte hält den Talmud, den Codex des mündlich fortgepflanzten Gesetzes, für das eigentümlichste und sonderbarste Schriftwerk der gesamten menschlichen Litteratur. In der Wüste der in ihm vorliegenden Halacha, der Rechtserörterung, stoßen wir manchmal auf die Oase der Haggada, des Spruches und der Erzählung. Daraus ergiebt sich, daß der Talmud von sehr verschiedenen Seiten betrachtet werden kann. Bei einer religionsgeschichtlichen Betrachtung würde Delitzsch die Mitte halten zwischen Em. Deutsch, der im Talmud einen Ozean, im Neuen Testament einen daraus gespeisten Binnensee zu sehen wähnt, und Rohling, „der das Albernste und Schmutzigste, welches ihm Talmudexzerpte älterer Polemiker boten, zusammengekehrt hat und diesen Kehricht für ein Bild des Talmuds ausgiebt." Bei der Aufstellung des obigen Themas wird der Talmud unter dem kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt ins Auge gefaßt. Zunächst weist nun der Vortrag auf Zeugnisse der im Talmud niedergelegten sinnigen Naturbeobachtung hin. Ein solches ist der Ausdruck: „Von der Hindin der Morgenröte bis der Osten sich lichtet." Die ersten Strahlen der noch unsichtbaren Morgensonne schienen dem Beobachter Ähnlichkeit zu haben mit dem gabelförmigen Geweih eines Edelhirsches. Daneben ist von der „Säule" des Morgenrots, der Sonne und des Mondes die Rede. Die Säule des letzteren steigt gerade empor wie ein Stab, während die der Sonne sich hierhin und dorthin spaltet, d. h. ihre Strahlen nach allen Seiten ergießt. Der Durchbruch der Sonne heißt: ihr „Aufknospen." Sie steht nach dem Aufgang purpurrot und dann golden am Himmel wie eine erschlossene Rose. Die Zeit zwischen dem Untergehen und dem Untergang ist die Zeit „zwischen den beiden Sonnen". Abend ist es, wenn die Wände sich schwärzen, — Nacht, wenn auch die obere Hälfte des Horizonts sich in weiß entfärbt hat und durch grau in schwarz übergegangen ist. Von dem um Mitternacht wehenden Nordwind weiß der Talmud zu erzählen, daß er das Saitenspiel, welches über Davids Lager hing, in tönende Schwingungen gesetzt und den König dadurch aus dem Schlaf geweckt habe. Mit dem Ausruf: „Wache auf, Harfe und Cither! Ich will aufwecken das Morgenrot", sei David von seinem Lager aufgestanden. Im Tempel zu Jerusalem wurde frühmorgens, ehe die Sonne aufging, die Asche vom Brandopferaltar weggeräumt. Dann forderte der Vorsteher die Priester auf, auf die Warte zu steigen und zuzusehen, ob die Zeit zum Schlachten (bei Nacht durfte dies nicht geschehen) herangerückt sei. War das der Fall, so sagte

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