Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 44 (1888)
- Issue
- 6 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jesus, welcher in der Bergpredigt sogar den Dekalog der Kritik unterzieht und mit: „Ich aber sage euch" ihm seine Worte entgegenstellt, welcher sich nicht allein als Gottes Sohn, sondern auch als Herrn des Sabbats bezeichnete und solche rabbinische Satzungen wie das Händewaschen vor der Mahlzeit für wertlos erklärte, vom Standpunkte pharisäischer Gesetzlichkeit als des Todes schuldig erscheinen mußte; denn Übertretung rechtskräftig gewordener Satzungen, welche die Thora gegen Übertretung schirmen sollen, zieht nach traditionellem Recht (Erubin 25 b) die Todesstrafe und sagar exemplarische Todesstrafe nach sich. Und doch war die Hinrichtung Jesu, von höherem Gesichtspunkt aus betrachtet, ein Justizmord. Die den Gesetzesbuchstaben vollstreckende Gerechtigkeit war himmelschreiende Ungerechtigkeit. Denn die schlechthin makellose Reinheit der Person Jesu, die überwältigende Geistesmacht seiner Verkündigung und die Wunderthaten barmherziger Liebe, in denen sich Gott zu ihm bekannte, mußten hinausheben über den Standpunkt rigoröser Gesetzlichkeit. Diese hat, indem sie den Heiligen Gottes ans Kreuz brachte, an sich selbst das Todesurteil vollzogen. Wie Paulus, welcher vor seiner Bekehrung zustimmend bei der Steinigung des Stephanus assistierte und mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herrn schnaubte, eben daran erkannte, welcher verbrecherischen Grausamkeit pharisäischer Fanatismus fähig sei, und wie er Gal. 2, 19 sagt, daß er durchs Gesetz dem Gesetze gestorben ist: so hat die Religion des Gesetzes, indem sie den Stifter des von den Propheten geweissagten Neuen Bundes dem Kreuzestode überlieferte, sich selber das Zeugnis kläglicher Beschränktheit ausgestellt und ihren eigenen Untergang besiegelt. Wir sind weit entfernt, jeden einzelnen der später und außerhalb Palästinas lebenden Israeliten als Mitthäter bei jener religionsgeschichtlich entscheidungsvollen Gerichtsprozedur anzusehen. Aber da, wenn irgend ein Volk, gerade das jüdische eine durch Gemeinsamkeit der Abstammung, der Religion, des Ceremonialgesetzes und der Geschichte verbundene solidarische Einheit ist, wie das Sprichwort sagt: „Alle stehen wie Ein Mann einer für den andern": so werden wir uns der Schlußfolgerung nicht entziehen können, daß die Überantwortung Jesu als eines todeswürdigen Verbrechers an die Römer eine auf dem jüdischen Volke lastende Nationalschuld ist, und wenn wir nun bei den Propheten lesen, daß das Israel der Endzeit reumütig an seine Brust schlagen und die Tötung eines schmählich verkannten Knechtes Gottes als blutiges Unrecht bekennen und beklagen wird: so läßt sich der Gewissensftage nicht entgehen, ob doch nicht vielleicht Jesus dieser in unseliger Verblendung Hingemordete ist.