Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 44 (1888)
- Issue
- 2 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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12 tiefe Kenntnis des Alten und Neuen Testaments und noch mehr durch seinen demütigen Wandel und die herzgewinnende Freundlichkeit, mit welcher er sich des Fremdlings annahm, schon näher zu Jesu Christo hin. Aber zuletzt ward auch ihm, wie schon so vielen Kindern Jakobs, das 53. Kapitel des Propheten Jesaia der Stein, an dem sein Judentum zerschellte. Er mußte eingestehen: Gerade wie der hier Geweissagte ist Jesus von Nazareth gewesen; so hat er gelebt, so ist er gestorben. Ist er nicht der von den Vätern gehoffte Messias gewesen, so muß ein zweiter kommen, und dieser zweite wird — ganz dasselbe thun und leiden müssen. — Solches Hoffen auf einen zweiten verboten ihm aber andere Prophetenstellen (Micha 5, Haggai 2, V. 7—10, Maleachi 3 u. s. w.), welche bezeugen, daß der Tempel und das Priestertum bei der Ankunft des Messias noch bestehen mußten. — Der Vater, der die Seelen zum Sohne zieht, ließ endlich den aufrichtigen Sucher die köstliche Perle finden. Und weiter wollte Eschel nichts. So fern der Morgen ist vom Abend, war er von Nebenabsichten. Er wußte im Gegenteil, daß er durch seine Bekehrung sich den Haß vieler seiner Volksgenossen aufladen und auch die Liebe seiner Mutter samt dem reichen irdischen Erbe verscherzen würde. Reinhard erinnerte ihn an dies alles und bat ihn wiederholt, sich ja nicht zu übereilen. Aber Eschel antwortete: „Nichts in der Welt soll mich abhalten, Jesum als den einzigen Heiland der Welt zu bekennen." Bald darauf kam er zu dem Entschlüsse, sich am nächsten Pfingstfeste öffentlich in der Synagoge von dem Glauben seiner Väter loszusagen und von seinen Brüdern Abschied zu nehmen. Er führte ihn aus und legte ein schönes Bekenntnis vor seinem Volke ab. Die Aufregung, welche dadurch nicht allein in Sondershausen, sondern auch in weitern Kreisen unter den Juden entstand, war sehr groß. Etliche Wochen später lud ihn die Judenschaft der Umgegend zu einer Unterredung nach Dessau, welches schon damals ein Sitz jüdischer Gelehrsamkeit war. Er nahm die Einladung an. Fürst Leopold von Dessau, der bekannte furchtlose Kriegsmann und Reichsfeldmarschall, sagte ihm seinen Schutz zu. Die Stadt Dessau ward Zeugin einer Disputation, die fast einzig in ihrer Art ist. Eschel schlug seine Gegner besonders damit-, daß er ihnen aus den Schriften der Rabbinen nachwies, das Geschlecht Davids, aus dem doch der Messias kommen sollte, sei längst ausgestorben, Marsutra Ben Marsutra sei der letzte Nachkomme Davids gewesen. Da nun keine Gegengründe gegen ihn aufzubringen waren, wollten ihn die Juden mit Drohungen, Versprechungen und Thränen vom Übertritte zurückhalten. Es war aber alles umsonst. Eschel kehrte nach Sonders-