Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1887-01-01 · 5 (1887) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
43 (1887)
Issue
5 (1887)
Date
1887-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554928-2554934--08599-2564641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dem geistlichen Beruf widmete und seit Jahren im heiligen Amte steht. Und dieser Sohn Mn ich, der Erzähler dieser Geschichte. Jener alte Jude Levi Jeremias aus Zamoth in Großpolen, der nach Merseburg kam und dort in der heiligen Taufe die Namen Ernst Gottlieb Christ annahm, das ist mein lieber Urgroßvater gewesen, und seine Tochter Sophie, das war meine gute, selige Großmutter, die mir noch jetzt lebhaft vor der Seele steht, wie sie als hochbetagte Greisin in ihrem Lehnstuhl saß und ihren zahlreichen Kindern und Enkeln erzählte, daß ihr Vater eine so merkwürdige Lebensgeschichte gehabt, wie er oft m der hebräischen Bibel gelesen habe, ja, sogar einmal von seinen hebräischen Brüdern besucht worden sei. Noch bewahre ich vom alten Christ ein vergilbtes Blatt Papier, höchst wahrscheinlich noch aus der Zeit, da er in Zamoth jüdischer Schulmeister war. Es ist von seiner eigenen Hand beschrieben in wundersamen Schriftzügen und sieht fast aus wie ein Psalm. Noch niemand hat mir das Dokument lesen und deuten können. Daneben aber besitze ich auch noch sein Bild. Es ist ein kleines, wunderschönes Ölgemälde auf Elfenbein in goldener Kapsel und stellt meinen Urgroßvater dar als weißhaarigen, ehrwürdigen Greis, dem, wenn ich seine Züge recht zu deuten vermag, die Herzensgüte und der Friede mit Gott vom Angesicht leuchtet. Es hat sich fortgeerbt von Geschlecht zu Geschlecht nun schon ein Jahrhundert hindurch und ist endlich auf mich gekommenund ich bewahre es auf als ein unschätzbar teures Andenken an einen meiner „alten Väter" und als ein sichtbares Erinnerungszeichen an die Wunderwege, die Gottes unendliche Gnade mit ihm gegangen ist. Und wenn ein guter Freund mich besucht, und ich merke, daß ich's nicht mit einem „Neumodischen" zu thun habe, der vom Reiche Gottes so wenig wissen will, wie die Vierfüßler drunten im Stall, sondern mit einem „Altmodischen," der da gern „gedenket der vorigen Zeiten bis daher und betrachtet, was Gott gethan hat an den alten Vätern," — dann hole ich das Bild des Urgroßvaters und zeig's ihm und erzähl' ihm die Geschichte, die dazu gehört. — Ich schäme mich nicht, der Urenkel eines Juden zu sein und auch ein wenig jüdisches Blut in meinen Adern zu haben. Trag' ich doch, ich möchte sagen, an meinem Leibe den lebendigen Beweis mit mir hemm, daß der heilige Geist auch Israeliten durch das Evangelium beruft, mit seinen Gaben erleuchtet und im rechten Glauben heiliget und erhält. Ich weiß, daß einst nach Pauli prophetischem Wort „ganz Israel selig werden," daß einst eine Zeit anbrechen soll, da die leidige Judenfrage auf immer gelöst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.