Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 5 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Er führte mit ihr einen kurzen, aber glücklichen und gesegneten Ehestand. Schon hochbetagt hatte er noch eine große Herzensfreude. Es klopfte eines Tages an seine Thür, und als er austnachte, da standen drei Männer vor ihm mit eisgrauen Bärten, scharfgebogenen Nasen, mächtigen Locken an den Schläfen und in lange, bis auf die Knöchel herabreichende Gewänder gehüllt. Die sprachen zuerst auf gut hebräisch: „Schalom lecha!" das heißt auf deutsch: „Friede sei mit dir!" und dann auf gut polnisch: „Kennst du uns noch?" Und wie der alte Ernst Gottlieb ihnen forschend ins Angesicht schaute, da erkannte er sie auch, und nun war des Herzens und Küssens, des Weinens und Jauchzens kein Ende. Seine drei Brüder waren es, die aus dem fernen Osten gekommen waren, um ihren Joseph in Egyptenland, will sagen, ihren Jeremias in Merseburg, der aber eben kein Jeremias mehr war, noch einmal zu sehen, ehe sie sich zu ihren Vätern versammelten. Weit hatten sie wandern, viele Irrfahrten hatten sie machen müssen, ehe sie an den rechten Ort kamen. Und obgleich sie Israeliten geblieben waren und ihr Bruder ein Christ geworden war, so hatte doch die Bruderliebe keinen Riß bekommen. In den paar Tagen, wo sie unter des christlichen Bruders Dache weilten, ward ihnen viel Gutes und Liebes erwiesen. Wehmütig war der Abschied von Merseburg, von wo aus sie wieder heimkehrten in ihr Vaterland. Ob sie auch Christen geworden sind, das kann ich . nicht sagen; qber einen guten Eindruck haben sie sicherlich von dem Christenhause in Merseburg mitgenommen. Kurze Zeit darauf ward der alte Christ von seinem Herrn und Heiland heimgerufen. — Als der wunderliche Besuch der drei Männer aus dem Morgenlande in Merseburg stattfand, da hatte dem ehrwürdigen Greise ein kleines Mädchen auf den Knieen gesessen und mit ihren blauen Augen den alten Männern ins Angesicht geschaut und sich ein wenig vor ihren großen Bärten und Locken gefürchtet. Das war Ernst Gottlieb Christs einziges Töchterlein gewesen, die nun am Sarge des alten Vaters trauerte. Sie reichte später, zur lieblichen Jungfrau erblüht, einem würdigen Pfarrer die Hand zum Bunde fürs Leben. Ihren Namen Sophie Christ hat sie mit der That getragen, denn sie war nicht bloß eine kluge, sondern auch eine fromme Frau, ist ihrem Manne eine treue Gehilfin gewesen und hat viel Ungemach in ihrem Ehestand erlebt, aber alles mit christlicher Geduld und Sanftmut getragen bis an ihr Ende. Sie hinterließ einen Sohn, der als Arzt eine reichgesegnete Wirksamkeit hatte und nun auch schon unter grünem Rasenhügel schlummert. Dieser wiederum hatte auch einen Sohn, der sich