Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 3 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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des Herrn den ganzen Ratschluß Gottes zu unserer Erlösung ihm vorlegen. Aber er war den Erklärungen jüdischer Ausleger so zugethan und verteidigte den Talmud so streng, daß ich ihm zuerst die Falschheit und Grundlosigkeit seiner Behauptungen zeigen mußte, und wie wahr und dem Worte Gottes angemessen die Erklärungen christlicher Ausleger seien. Auf dieses erwiderte er: „Wir sind nur Menschen und wissen nicht die Geheimnisse Gottes." Das Gespräch dauerte fünf Stunden lang. Beim Abschied weinte er und sah mich mit großem Mitleiden an. Ich begleitete ihn zu dem Platze, da der Wagen stand, auf welchem er zurückkehren wollte. Aber als wir ankamen, war dieser abgefahren, und weil keine andere Fahrgelegenheit da war, so kehrte er mit mir in mein Haus zurück. Ich ermahnte ihn nun abermals, der Gnade Gottes nicht durch Verhärtung seines Herzens zu widerstehen, sondern sich vom Geist Gottes leiten zu lassen. Die Unterredung führte wieder zur Schrift. Ich brachte Beweise aus derselben für die Wahrheit des Christentums und hatte die große Freude, ihn meinen Worten Aufmerksamkeit schenken zu sehen. Das Gespräch dauerte bis nach Mitternacht; und ich verließ ihn mit dem herzlichen Wunsch und Gebet, daß unser treuer Hirte dieses irrende Schaf aufnehmen und wieder zu seiner Herde führen möchte. Am folgenden Morgen sagte er: „Ich kann meine Gefühle nicht aussprechen. Durch das, was Du gestern sagtest, ist mein Herz gerührt worden; und obgleich ich nicht im Sinne hatte, mit Dir weiteres über Religion zu reden, so finde ich jetzt, daß ich nicht mehr anders kann. Ich hatte eine ganz andere Ansicht vom Christentum; sollte es aber, wie Du gestern versichert hast, sich bewähren, daß es die Erfüllung der Verheißungen ist, die den Juden gegeben sind, — sollte es wahr sein, daß der Messias gekommen ist, und daß Jeschua Hannozri (d. h. Jesus von Nazareth) der Messias ist, so sind wir Juden alle sehr betrogen. Aber wie kann eine ganze Nation in so großem Irrtum sein und den Messias verwerfen, auf welchem alle ihre Hoffnungen ruhen; und wie kann Gott die Juden so lange im Irrtum lassen, da er ihnen doch den Messias verheißen hat? Wenn ich jedoch versichert wäre, daß die Christen Recht hätten, so würde ich keine Stunde länger bei den Juden bleiben; aber wie kann ich diese Gewißheit erlangen?" Ich antwortete: „Das Wort Gottes ist sicher und gewiß, und erleuchtet das Herz und den Verstand," und bat ihn, zu dem Herrn um Erleuchtung zu beten, wie David that in den Worten: „Öffne mir die Augen, auf daß ich sehe die Wunder in deinem Gesetz." Er bat mich, etliche Tage länger bei mir bleiben zu dürfen, um eine noch gründlichere Erkenntnis des Christentums und unserer Gottesdienste zu