Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 2 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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im Himmel lebt und so wahr sein Wort ist, in welchem er's gesagt hat." Dabei reichte sie mir ihre Bibel und sagte: „Lieber Herr Doktor, ich möchte Ihnen gerne dankbar sein für Ihre viele Mühe, die Sie mit mir gehabt haben, und ich bin doch nur eine arme Frau. Das Einzige, was ich Ihnen noch geben kann, das ist diese meine Bibel. O nehmen Sie dieselbe von mir zum Geschenk an und lesen Sie im Worte Gottes mit Ernst und Gebet, so werden Sie dann Jesum als Ihren Heiland finden, und Ihre Freude wird groß werden wie die meinige." — Ich nahm das alte Buch aus ihren zitternden Händen, beschämt und bis ins Innerste gerührt, und eilte unruhig nach Hause. Es kämpfte und tobte in meinem Innern, wie bei einem Sturme: Wahrheit und Lüge, Gewißheit und Zweifel, Hoffnung und Furcht stritten aufs heftigstein mir. Als ich am folgenden Morgen an ihrem Hause vorüberging, zog es mich hinein, ohne daß ich wußte weshalb. Ich wurde aber im kleinen Vorhause wundersam festgehalten, denn eine Kinderstimme erscholl wie Engelsgesang aus dem Krankenzimmer. Es war die kleine Emilie, ihre Pflegetochter, die der Sterbenden den letzten Wunsch gewährte und dieser ihr Lieblingslied: „Jesus nimmt die Sünder an" mit heller Stimme vorsang. Ich hörte die Worte und höre sie noch: Ich Betrübter komme hier Und bekenne meine Sünden. Laß, mein Heiland, mich bei dir Gnade und Vergebung finden! Eins ist, was mich trösten kann: Jesus nimmt die Sünder an. „Diese Worte aus dem Munde eines Kindes, welches ich so oft am Bette der Kranken knieend beten sah, drangen mir tief ins Herz, und in diesem Augenblicke fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich sah, wie nackt, bloß und elend ich mit allen meinen guten Werken sei. Auf einmal wurde es mir klar, ich sei ein betrogener alter Mann. Der Jdealchristus ist ein Phantasiebild, das in ernsten Stunden, wo einem Hülfe und Trost not thut, wie Nebel und Rauch verschwindet. Ich glaube nun an Jesum Christum, Gottes Sohn, den Sünderheiland, der auch für mich alten Sünder sein teures Blut vergossen hat und gestorben ist, nicht allein für meine Sünden, sondern auch für meine Tugenden. Das Resultat all meines Wissens ist jetzt, daß ich ein großer Sünder bin, und daß Jesus ein noch größerer Heiland ist. Im Namen dieses Jesus möchte ich nun getauft sein, Herr Pastor, auf daß ich sein Eigentum bleibe in Ewigkeit." So der Arzt. Ich sah zu meiner herzlichen Freude, daß der heilige Geist durch den Mund eines unmündigen Kindes in einem