Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 2 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Längere Zeit war ich verhindert, ihn zu besuchen. Als ich nun auf seinen Wunsch in jener Nacht in sein Zimmer trat, lag er auf seinem Bette und schien zu schlummern. Doch richtete er sich bald auf, und ich erschrak, als ich sein blasses, von dem matten Lampenlichte beschienenes Gesicht sah. Einige Minuten vergingen, in denen wir stumm einander betrachteten. Endlich unterbrach ich das Stillschweigen und fragte ihn, wie er sich fühle, und was er von mir wünsche. Er sah sich um, ob niemand uns belausche, und bat mich dann, die Thür fest zuzumachen, was ich nicht ohne Herzklopfen that. Nachdem er einigemal tief Atem geholt, sagte er, meine Hand ergreifend: „Lieber Freund, ich bin krank und werde wahrscheinlich von dieser Krankheit nicht mehr aufkommen. Sie wissen, wie ich gelebt habe, wissen, daß ich Jude bin; ich möchte aber nicht als' Jude sterben, ich möchte durch Christum selig werden. Wollen Sie mich nun taufen?" — „Lieber Doktor", erwiderte ich, „wenn Sie von Christo nicht mehr wissen als das, was Sie mir gesagt, kann ich Sie unmöglich taufen. Was soll Ihnen auch ein bloßer Mensch, wenn auch ein Jdealmensch, helfen? Kann doch kein Mensch seinen Bruder erlösen, denn es kostet zuviel, man muß es lassen. Wenn wir Christum nur als Menschen betrachten und doch zu ihm beten und durch ihn selig werden wollen, so ist das ein Götzendienst und eine Selbsttäuschung." — „Nein, nein!" unterbrach er mich. „Das brauchen Sie mir nicht Mehr zu sagen. Ich weiß es schon und hatte während meiner Krankheit Zeit genug» darüber nachzudenken." „Hören Sie mir zu!" fuhr er fort. „Ich behandelte vor zwei Monaten die alte Witwe N. in Ihrer evangelischen Gemeinde. Die Sanftmut, Ruhe und Geduld, mit der sie ihr schweres Leiden trug, machte auf mich einen tiefen Eindruck, und ich mußte mir sagen, daß sie ihren Seelenfrieden, um den ich sie beneidete, aus einer andern Quelle schöpfte, als aus der mir bekannten. Sie wünschte eines Tages dringend von mir, daß ich ihr offen sagte, was ich von ihrem Zustande hielte. Ich that es denn auch und verhehlte ihr nicht, daß sie nur noch ganz kurze Zeit zu leben hätte. Da wurde sie ganz freudig, ihr Antlitz verklärte sich bei dem Gedanken an die Nähe des Todes, als wenn's zur Hochzeit ginge. So etwas sah ich nie. „Herr Doktor," sagte die sterbende Frau, indem sie zitternd meine Hand ergriff, „ich möchte ihnen gerne Eins noch sagen, ehe ich sterbe. Sie sind ein Jude, Sie kennen den Heiland nicht. Ohne ihn werden Sie nicht selig werden. O, suchen Sie Jesum, den Heiland der Sünder!" — Ich war betroffen und fragte: „Woher wissen Sie das, liebe Frau, daß nur in Jesu Seligkeit für mich zu finden ist?" — „Das weiß ich," erwiderte die Sterbende, „so gewiß, als heute uns die Sonne bescheint, so wahr ein Gott