Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 42 (1886)
- Issue
- 4 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Als ich so schmerzbewegt dem Zuge nachschaute, trat mir ein anderes jüdisches Leichenbegängnis vor das geistige Auge. Ich schaute Rains Stadtthor und den langen Leichenzug, der aus ihm sich herausbewegte. Ich sah den, der zu seinen Jüngern sprechen durfte: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" stille stehen und hörte ihn zu der weinenden Mutter sprechen: „Weine nicht!" Ich sah Ihn im Geiste voll stiller Majestät herantreten und den Sarg anrühren, und als die Träger standen, hörte ich Ihn das Allmachtswort sprechen: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!" Und ich sah den Toten sich aufrichten und hörte ihn reden und hörte das Jauchzen der Mutter, als sie von des Heilands Hand ihren Sohn, der ihr ein und alles gewesen, wieder empfing und schluchzend vor Freuden ans Herz drückte! — Und ich hörte das Volk von Rain in heiliger Ehrfurcht Gott preisen und wie mit Einem Munde sprechen: „Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und Gott hat sein Volk heimgesucht!" Da ward mein Herz wieder froh und getrost. Denn dieser Jesus ist ja noch heute da als der Todesüberwinder. Er hat einst auf Patmos zu seinem Lieblingsjünger gesprochen: „Fürchte dich nicht! Ich bin der erste und der letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes!" Er lebt und ist bei uns alle Tage, bis an der Welt Ende. Wenn Seine Stunde gekommen sein wird, wird Er auch bei uns wieder an die Leichenbegängnisse herantreten und die Träger zum Stehen bringen und sein: Weine nicht! und sein: Ich sage dir, stehe auf! rufen. Darum getrost, Ihr Freunde Israels, wie gering und klein auch Eure Schar und die sichtbare Frucht Eurer Arbeit und Eurer Gebete sein mag! Es wird einmal anders kommen, wenn des Herrn Stunde schlägt, die Stunde der großen Thaten Gottes, von welcher der Mund, der nicht lügen kann, Joh. 5, 25 gesprochen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben." Dann wird das weite Feld voller Totengebeine (Hes. 37) sich regen und lebendig werden. Wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist, wird auch Israel als Volk noch zum Sünderheiland sich wenden und „den Herrn und seine Gnade ehren in der letzten Zeit," Hosea 3, 5. Inzwischen laßt uns weiter arbeiten und weiter beten! Der HErr wird Gnade dazu geben, daß wir etliche aus dem Feuer rücken können (Jud. 23). W. A. Bernhard.