Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 42 (1886)
- Issue
- 4 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Divre Gmech oder Stimmen der Wahrheit an Israeliten und Freunde Israels. Begründer: I. C. Hartmann. Herausgeber: W. Becker. Nr. 4. 188«. 42. Jahrgang. Inhalt: Zwei jüdische Leichenbegängnisse. — Artus. — Kleine jüdische Chronik. Ein geistliches Gedicht von Leibnitz. —- Die jüdische Bevölkerung der Erde. Zwei jüdische Leichenbegängnisse. Es war am ersten Adventssonntage, am 30. November v. I. Ich hatte an einem Gottesdienst teilgenommen und die frohe Botschaft von dem gehört, dem einst Jerusalems Kinder entgegenjauchzten: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!" Mein Weg führte mich an die Promenade des Stadtgrabens. Da kam die Straße daher ein langer Leichenzug: voran ein einfacher, ganz schwarz verhängter Leichenwagen, ohne das Sinnbild des Christenglaubens, das Kreuz; dahinter eine große Schar leidtragender Freunde zu Fuß und eine stattliche Reihe von Wagen. Auf mein Fragen erfuhr ich : Es ist ein jüdisches Begräbnis! Eine reiche, durch ihre Wohlthätigkeit sehr beliebte Witwe wird zu ihrer letzten Ruhestätte an der Bohrauerstraße hinausgeleitet. Ich kann nicht sagen, wie tief es mir ins Herz schnitt, gerade am Tage froher Adventshoffnung diesem jüdischen Leichenzuge in der großen Christenstadt zu begegnen. Unwillkürlich kam mir die Frage: Ist wohl alles geschehen, was hätte geschehen können und sollen, um dieser Tochter Israels bei ihren Lebzeiten das Heil in Christo nahe zu bringen? Wird ihr die Glaübenslosigkeit, der Mangel an Liebe zu Gott und dem Nächsten, das Trachten nach irdischem Besitz und Genuß, wie sie leider bei den meisten, die sich Christen nennen, die Oberhand gewonnen haben, — wird ihr das alles nicht ein Geruch des Todes zum Tode geworden sein? Ist nicht jedes derartige Leichenbegängnis in einer christlichen Stadt eine Anklage unserer Lauheit, unseres geringen Eifers, des Herrn Werk an Israels Kindern zu treiben?