Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 42 (1886)
- Issue
- 3 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nach Wilna gesandt. Auf seinem Wege dahin wurde er von einem unserer Kolporteure angeredet, dem es gelang, ein hebräisches Neues Testament an ihn zu verkaufen. Als er Zeit bekam, fing er zu lesen an und fand bald, daß es eigentlich, wie es ihm schien, kein rechtes Buch für ihn sei, sondern nur für Christen passe. Da er jedoch keine Gelegenheit hatte, es zurückzugeben, so dachte er: „Es wird mir nicht schaden, und ich möchte doch gerne wissen, was der Grund des christlichen Glaubens ist. Ich bin gewiß, es wird mich zu keinem schlechteren Juden machen, und jedenfalls wird es mich nicht dem Glauben meiner Väter abwendig machen." Indessen Gottes Gedankm waren andere. Als er in dem Buche wieder und wieder las und auch halbe Nächte beim Lesen desselben zubrachte, entstand der Wunsch in ihm, noch mehr von diesem Jesu zu wissen, von dem das Buch voll war. Seine Gemütsruhe war dahin, und so sehr er auch gegen den Gedanken, Christ zu werden, ankämpfte, — er konnte nicht länger widerstehen. Er ging zu einem christlichen Prediger, und nachdem er noch ferneren Unterricht empfangen hatte, wurde er getauft. Dies war jedoch der Anfang der Widerwärtigkeiten für ihn. Das Gerücht von seiner Bekehrung verbreitete sich bald und erreichte seine Eltern, die ihn sofort verstießen. Unterdessen hatten die Bemühungen seiner Frau, ihn loszubekommen, Erfolg gehabt, und er eilte heim. Allein so groß auch die Freude des Wiedersehens war, so war sie doch auch mit Bitterkeit vermischt, denn die Nachricht von seiner Taufe war auch dorthin vorausgeeilt. Sein Schwiegervater bestand auf sofortige Scheidung, und da die Frau dagegen Einwendungen machte, so verfluchte er sowohl sie, als ihn; und die Schwiegermutter, die die Partei der Tochter ergriffen hatte, Hatte um ihretwillen Tag für Tag viel zu leiden. Aber der Mann stand fest und trug die Bürde des Kreuzes mit Freuden. Sein nicht zu erweichender Schwiegervater ließ ihm daher keine Ruhe und verfolgte ihn unbarmherzig, bis er ruiniert war. Er arbeitet jetzt als Tagelöhner in einem Kalkofen und ist mit trockenem Brot zufrieden, um seinen ganzen Verdienst seiner Frau und den Kindern nach Hause bringen zu können, und diese hängen an ihm mit musterhafter Liebe und Beständigkeit. Ich hatte selber Gelegenheit, dieses Ehepaar zu besuchen. Die Frau sagte zu mir: „Er hat seinen Reichtum mit mir geteilt; wie könnte ich ihn verlassen in seiner Armut?" Sie ist noch nicht getauft, aber ist schon eine Christin in ihrem Herzen." Ein Bibel-Kolporteur, der im Cölner Bezirk thätig war, berichtet folgendes: „Im letzten Monat erwähnte ich einen Juden, den ich getroffen hatte, und in diesem Monat muß ich ihn wieder erwähnen. Wir hatten, wie Sie sich erinnern, werden, ein scharfes