Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 10 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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drücktes und niedergetretenes Geschlecht. Als aber Victor Emanuel zur Regierung kam, wurden sie zu völliger Gleichheit mit ihren Mitbürgern erhoben und alle Einschränkungen weggeräumt. Sie nehmen jetzt eifrig an dem nationalen Leben teil, geben Tagesblätter heraus und treten in alle Geschäfte und Ämter ein. Eine noch größere Veränderung hat in ihrer Stellung zum Christentum stattgefunden. Früher rief der Name „Christus" nur Ausdrücke des Hasses und der Verachtung hervor: jetzt wird derselbe mit Achtung gehört und man fühlt ziemlich allgemein, daß unser HErr jedenfalls ein Jude war, auf den Israel stolz sein kann: ein Prophet und der größte Lehrer und Bildner der Heiden, dessen Beispiel alle folgen sollten. Ebenso verändert ist die Stellung der Juden zu den Christen. Früher sahen sie sie als ihre Verfolger an; jetzt erkennen sie in ihnen ihre Freunde. Dies ist die Wirkung der Missionsarbeit, die so lange geduldig an ihnen gethan wurde. Es gießt ungefähr nur 30- bis 35 000 Juden in ganz Italien; 7000 davon leben in Rom, die ärmere Klasse noch immer in dem Ghetto. In dieses Judenviertel waren sie von 1815—1845 durch Papst Leo XII. gebannt worden; sie durften damals in keinem andern Teil der Stadt wohnen. Es war ihnen verboten, christliche Dienerschaft zu halten, eigene Pferde und Wagen zu besitzen, irgend ein Geschäft außer den niedrigsten zu treiben, ihre Toten mit religiöser Feierlichkeit zu begraben, oder ihnen ein Denkmal zu errichten. Eine Verletzung irgend einer dieser Verordnungen zog ihnen Geldstrafen, Einziehung ihrer Habe und Gefängnis zu. Ja, die Männer mußten, gleichsam zum Brandmal ihrer Knechtschaft, einen gelben Turban, die Frauen einen gelben Schleier tragen. Erst Pius IX. verbesserte ihre Lage. 1848 wurden die eisernen Thore des Ghetto fortgenommen und ihr gefängnisartiger Zustand gehoben. Die Armen aber bleiben aus Sparsamkeit in jenem ungesunden Viertel wohnen. Von Pius IX. wird eine kleine Geschichte erzählt, die seinem Gedächtnis Ehre macht. Als er einst in einer Straße einen bettelnden Juden sah, gab er ihm ein Almosen. Einer seiner vornehmen Begleiter sagte: „Der Mann ist ein Jude." Aber Pius erwiderte: „Was thut das? Er ist ein Mensch!" Ob aber die Päpste den rechten Weg kannten, um das Christentum unter den Juden zu verbreiten, ist eine andere Frage. Viele Jahre hindurch wurden.an jedem Sonntage 50 Juden und 50 Jüdinnen gezwungen, sich in der schönen Kirche von St. Angela einzufinden. Dadurch erreichte man die Bewohner des Ghettos der Reihe nach. Aber zu welchem Zweck? Sie sollten von einem