Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 9 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 II. In der 50. Nummer seiner „Blätter aus Spanien" erzählt Pastor Fliedner in Madrid von einer afrikanischen Judenchristin, welche sich regelmäßig zu der von ihm ins Leben gerufenen evangelischen Abendschule »in der Calatravastraße einstellt: „Es ist eine Frau im Anfang der fünfziger Jahre, in dunklem Gewand; ein schwarzes Kopftuch liegt über dem schwarzen Haar. Ihrem Geschäft nach ist sie eine Trödlerin. Mit ihren scharfen Zügen und den lebhaften dunkeln Augen wird sie jedem Eintretenden vor den andern sofort auffallen; aber sie zeichnet sich nicht minder durch ihren regen Eifer und die Lebhaftigkeit bei ihrer Aufgabe aus. Mit doppeltem Augenglas bewaffnet sitzt sie vor ihrem mit großen Lettern gedruckten Evangelienbuch; denn ihre Brille allein genügt nicht: sie muß noch ein gesprungenes Vergrößerungsglas über die Buchstaben halten, und so liest sie Kapitel auf Kapitel laut und vernehmlich. Diese doppelten Leseinstrumente geben ihr ein komisches Aussehen. Aber setzen wir uns zu ihr hin! Es freut sie und ohne Zweifel euch auch. Mit welcher Aufmerksamkeit, mit welcher inner« Teilnahme sie bei der Sache ist, kannst du aus den Ausrufen merken, mit welchen die lebhafte „Afrikanerin" ihre Lektüre begleitet. „Ja, ich glaube es," flüstert sie, wenn ihr eins der vor anderen tröstlichen Worte des Evangeliums begegnet. „O wie schön!" „Das ist wahr!" und ähnliche Worte entgleiten ihr oft fast unbewußt und aus dem innersten Herzen. Da liest sie das Wort: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe!" „Ja, ja," fügt sie mit Nachdruck bei, denn sie weiß in der That davon aus Erfahrung zu reden. Laß dir kurz ihre Geschichte erzählen. Sie ist jüdischer Abstammung, aus Tanger an der Nordküste Afrikas gebürtig, darum auch auf dem Trödelmarkt unter dem Namen „La Afrikana" bekannt. Mit 20 Jahren kam sie mit ihrem Bruder nach Gibraltar. Beide gehörten zu den Seelen, in denen der Geist Gottes ein tiefes Verlangen und Dürsten nach Wahrheit und Gerechtigkeit wirkt. Dort lernten sie die katholische Kirche kennen. Sie ließen sich beide in derselben taufen, aber die Befriedigung, die sie suchten, fanden sie in ihr nicht. Als sie den ganzen Bilder- und Heiligendienst dieser Kirche kennen lernten, da war es ihr Bruder, der sie darauf hinwies, wie solches Treiben dem Wort des göttlichen Gesetzes ins Gesicht schlage, das da gebiete: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, sie anzubeten und ihnen zu dienen". Als sie einst Zeugen einer jener unwürdigen feierlichen Bekleidungen eines Marienbildes waren, da stand ihr