Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 6 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2554541-2554892-2554899--08382-2564409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I 44 Zu Jesaia 61^ 1—3. Unter den Papieren eines verstorbenen Freundes des Volkes Israel fand sich ein vergilbtes Blatt, welches die hier folgende Klage eines jüdischen Mädchens und die tröstende Antwort einer christlichen Frau enthält. Das Ganze, das wir nur wenig verändert haben, scheint die Uebersetzung eines englischen Gedichts zu sein. Klage des jüdischen Mädchens. Ach, wer will meiner Klage Gehör schenken? Wo find' ich Mitleid, Hilfe und Trost — ich, das Judenmädchen, ein Kind des Elends? — Gütige Christenfrau, wollt Ihr Euch herablassen und meinen Kummer anhören? Würdet Ihr Euch des jüdischen Mädchens annehmen — es wäre ein großer Liebesdienst! — Manchmal vergleichen wir unfern traurigen Zustand mit dem von Christenkindern: Sie werden aller Orten in jenen Wahrheiten unterrichtet, die wir nie vernehmen. — Man sagt uns von Tausenden in diesem glücklichen Lande, welche an Eurem Sabbath lesen und beten lernen und angeleitet werden, die Gebote des Herrn zu verstehen und zu befolgen. — Wie verschieden ist unser Los, wie hart unsere Lage! Arme jüdische Mädchen werden selten im Lesen unterwiesen. Nie erheben wir unsere Stimme in Gebet und Lob Gottes. O, welch' elendes Leben führen wir! — Unser Sabbath ist kein Ruhetag für uns, obgleich Lampen angezündet werden und unsere Arbeit aufhört. Der Tag, den Gott der Herr gesegnet hat, sollte doch auch für uns ein Bote des Friedens sein. — Unsere Väter begeben sich in die Synagoge und beten dort in einer unbekannten Sprache. Uns überlassen sie dem Müßiggang und dem Spiel, als wäre die Religion nicht auch für die Kleinen da. — Sind wir 12 Jahre alt, dann verweist man uns vom Hause: kein Führer, kein Lehrer steht uns in den mancherlei Gefahren bei. — Nach wenigen Jahren lieg' ich füll und kalt unter dem Hügel von Erde. Aber wahrlich, es ist schrecklich, zu sterben und vor Gott zu erscheinen. — Es heißt, er sei barmherzig und vergebe die Sünde. Aber dann sagt man auch, er sei heilig und gerecht. Ich habe ihn nie gekannt. Wie soll ich's anfangen? O lehrt mich, christliche Frau, was ich thun soll! — Könnt Ihr, wollt Ihr mir Mitleid erzeigen, o dann errettet von Unwissenheit und Traurigkeit ein kleines Judenmädchen, das Euch bittet! Tröstende Antwort der Christin. Teure Tochter Abrahams! Trockne Deine Thränen und laß Kummer und Furcht schwinden! Laß Deine Hoffnung aufleben: I