Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 3 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer ist also dieser Christus, der im Christentum die Hauptrolle spielt? Ist er nur ein Mensch oder ist er wirklich der fleischgewordene gottgleiche Sohn Gottes? Läßt sich die Sache wirklich nicht sicher feststellen? O ja. Es giebt eine geschichtliche Urkunde, deren Treue von allen Seiten, auch von der äußersten Linken, mit großer Bereitwilligkeit anerkannt wird und unseres Wissens noch nie bestritten worden ist. Das ist die Bergpredigt, Matth. 5—7. Sie gilt allgemein als „das Echteste des Echten", und wahrlich, wenn sie nicht das wahre Wort Gottes ist, so ist es sonst nirgends weiter zu finden. Nun, auch aus ihr läßt sich der Nachweis führen, daß auch der Christus der Synoptiker ein übermenschliches Wesen ist. Hier nur folgendes: Im Anfang der Bergpredigt sagt der Herr mehrmals: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist, — ich aber sage euch". Mit diesen Worten stellt er sich hoch über Mosen; hat Mose nur geredet im Namen Jehovahs, so redet er, Christus, in seinem eigenen Namen. Kap. 7, 21—23 schreibt sich Christus genau dasselbe Richteramt zu, das nach vielen alttestamentlichen Aussprüchen Jehovah selber am Ende der Tage ausüben wollte. Solches Gericht zu vollziehen ist ein bloß menschliches Wesen außer stände. Ferner: Kap. 7, 10 nennt der Herr alle Juden ein arges Geschlecht, während er sich selbst offenbar von diesem Argsein ausschließt. Endlich — und dies ist die Hauptsache: In der ganzen Bergpredigt schließt er sich niemals mit den Menschen als mit seinesgleichen so zusammen, daß er sagt „unser Vater", sondern er sagt stets „euer Vater" oder auch „mein Vater" (vgl. Kap. 16, 17. 25, 34. 26, 29. 39 u. s. w.; s. auch Jvh. 20, 17). Er giebt damit unzweideutig zu verstehen, daß Gott in einem ganz anderen Sinne „sein Vater" ist, als er der Menschen Vater ist. Soviel ist also klar: Auch der Christus der Bergpredigt ist ein übermenschliches, und das will nach dem ganzen Zu-, sammenhange besagen: ein göttliches Wesen! Nicht bloß der Christus des Johannesevangeliums und der neutestamentlichen Lehrschristen, sondern auch schon der synoptische Christus ist der Sohn Gottes im Sinne der Wesensgleichheit. Der einzige Unterschied zwischen den beiderlei Schriften ist nur der, daß hier die übermenschliche Natur Christi nur angedeutet oder stillschweigend vorausgesetzt, und daß sie dort ganz ausdrücklich ausgesprochen und gelehrt wird. Jetzt sind wir imstande, den oben ausgesprochenen zweiten Satz noch bestimmter zu fassen, und sagen: Das Christentum ist diejenige Religion, deren Bekenner den geschichtlichen Jesus von Nazareth als den Christus oder gottgleichen Sohn Gottes bezeichnen.