Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 3 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ist Jesus von Nazareth; lesen wir die neutestamentlichen Lehrschristen mitsamt der Offenbarung Johannis: wir finden auf jeder Seite den Namen Jesu Christi wenigstens ein-, auf den allermeisten aber einige Male. Während alle andern Religionsstister, Confucius, Zoroaster, ja selbst Mose und Muhammed, hinter ihrem Werke vollständig zurücktreten, spielt im Christentum gerade dessen Stifter die Hauptrolle. Wer es unternähme, aus den Evangelien und den Episteln alle die Stellen auszustreichen, in denen der Name Jesu vorkommt, und wer aus Jesu eigenen Reden alle die Stellen wegließe, in denen er von sich selber redet, der hätte dem Christentum so zu sagen das Herz aus dem Leibe herausgerissen. Soviel ist also sonnenklar: Es giebt kein Christentum ohne Christus. Daher sagen wir zweitens: Das Christentum ist die Religion, in welcher die Person Jesus Christus die Hauptrolle spielt. Aber welche denn? Es ist allerdings schnell gesagt: Das neue Testament und die Kirche bekennen Jesum als den Christus oder Messias, dessen Sendung im Alten Testamente verheißen und dessen Ankunft von jedem gläubigen Israeliten sehnsüchtig erwartet ward und wird; das liege ja schon klar in dem Namen „Christentum". Der Name „Christus" ist wohl da, aber wer ist denn dieser Christus, und welche Bedeutung kommt ihm zu? Gerade darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Viele sogenannte Christen wollen ihm nicht einmal dasselbe Ansehen zu teil werden lassen, welches die Juden und Muselmänner ihrem Mose und Muhammed schenken, d. h. sie wollen nicht einmal sein Wort als unbedingte Wahrheit annehmen, sondern stellen ihr eigenes persönliches Urteil noch über Jesum und sein Wort. Die Kirche aber sieht in dem „Christus" noch mehr als nur einen von Gott gesandten Propheten, an dessen Wort alle Menschen als an die unfehlbare Wahrheit gebunden seien: sie nennt ihn gar den Sohn Gottes, und sie nennt ihn so nicht bloß im theokratischen Sinne des Wortes (— Liebling Gottes, 2. Sam. 7, 14 f.), sondern im Sinne der Wesensgleichheit. Sie schreibt ihm darum noch höhere Werke zu als das Werk eines Propheten (d. i. Predigers). Von gegnerischer Seite wird dagegen eingewendet, daß ein in Menschengestalt umherwandelnder, mit Gott wesensgleicher Sohn Gottes ein Unding und eine Unmöglichkeit sei; thatsächlich habe auch erst das sogenannte Johannesevangelium im Anschluß an die späteren neutestamentlichen Lehrschriften Jesum, den Christus, zu einem göttlichen Wesen gemacht, während das Christusbild der drei ersten (synoptischen) Evangelien ein rein menschliches und darum das geschichtlich wahre sei. Der geschichtliche Christus und der kirchliche (dogmatische, ideale) Christus seien grundverschieden.