Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 9-10 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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144 nehmung entgegen, daß es selbst für diejenigen Stimmführer unter den Juden, welche mit höchstem Eifer erklärt haben, daß die antisemitische Bewegung ein künstliches Machwerk innerhalb gewisser Kreise sei, während das Volk selbst von ihr unberührt bleibe, unmöglich ist, diese Selbsttäuschung und Täuschung Anderer noch aufrecht zu erhalten. Wohl oder übel muß man jetzt zugeben, daß die eigentliche Volksmeinung gegenwärtig wider die Juden ist, wiewohl man sich dann wieder beeilt, das unangenehme Geständniß einzuschränken, und nur die Bevölkerung der größten deutschen Städte als antisemitisch gelten lassen will. Die Sache wird aber gerade durch diese Einschränkung für die Juden doppelt schlimm; denn dieselben haben bis dahin stets die großen Städte als ihre besten Freunde erklärt und sich damit getröstet, daß die in der Kultur, Bildung und Fortschritt allen andern vorangehenden Theile des Volkes nichts mehr von Abneigung gegen die Juden wissen wollten. Wie gesagt, die Mittelpunkte der modernen Anschauungen, das bekennt selbst die »Allg. Z. d. I.«, stehn in ihrer Gesinnung am entschiedensten den Juden gegenüber. Das genannte Blatt forscht nun nach den Gründen dieser Erscheinung. Es räumt ein, daß sic nicht der Religionshaß hervorgerufen habe, sondern der von Geschlecht zu Geschlecht und besonders durch den Religionsunterricht genährte Judenhaß. Merkwürdig, die Religion soll hier nicht im Spiele sein und nun doch wieder einen erheblichen Theil der Schuld tragen! Man sieht, daß es auf Widersprüche nicht ankommt. Aber gleichviel, die Thatsache wird anerkannt, daß immer ein Geschlecht auf das andere die alte Abneigung übertragen, und daß die Neuzeit an diesem thatsächlichen Verhältniß nichts geändert hat. Die Schule, heißt es weiter, sei früher eine Anstalt der Humanität gewesen, und damals habe unter ihrem Einfluß der Klassen- und Parteihaß abgenommen; jetzt stehe es in der Schule und unter den Lehrern anders, und ebendaher auch unter der Jugend. Seltsameres, das müssen wir.gestehn, haben wir noch nicht zur Erklärung der antisemitischen Bewegung gehört. Es ist Jedermann erinnerlich, daß gerade die frühere Schule bis zu den Tagen des Kulturkampfes als eine Anstalt, welche nur die finsterste Orthodoxie gepflanzt und gepflegt habe, von den Juden und ihren Gesinnungsgenossen geschmäht worden ist. Die neuere Schule seit