Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 9-10 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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142 hörten Anschuldigungen gegenüber sieht der ärmere Bauer im Juden seinen Helfer in der Noth, während der begüterte Bauer stets mißtrauisch und geldgierig ist und jede Hülfe versagt. Wir kommen da allerdings zu der Frage: Woher dieser immer wieder erwachende Judenhaß, dem selbst die fortschreitende Kultur nicht abzuhelfen vermag? Was man gewöhnlich als Ursache angiebt, reicht zu einer vollständigen Erklärung nicht aus. Der religiöse Fanatismus ist ja zumeist aus den Geistern geschwunden, und gibt es und wird es geben verschiedene Religionsparteien, deren gegenseitiger Zwist auf das bürgerliche Leben von keiner oder doch von geringer Einwirkung ist. Die äußeren Unterschiede zwischen Jude und Christ sind immerfort im Abnehmen begriffen, und übt doch sonst auch Verschiedenheit der Stände und Bildung keinen solchen Einfluß aus, daß daraus Verfolgung und Mißhandlung entstehen. Immerhin mögen Geiz und Mißgunst gegen begüterte Juden im Antisemitismus eine Rolle spielen. Diese fallen jedoch gegen die ärmere Klasse der Juden, und diese ist die Mehrzahl, hinweg, während gerade die ärmere Klasse der Juden dem Hohn und Spott am meisten ansgesetzt ist. Nein, die wesentliche und immer wieder fließende Quelle ist und bleibt der von Geschlecht zu Geschlecht vererbte, von Kindesbeinen an eingeflößte und in den Schulen von vielen Lehrern und namentlich auch vom Religionsunterrichte genährte und gepflegte Judenhaß, wie er aus vergangenen Zeiten überliefert worden. Wenn schon den Kindern der Jude als ein Gegenstand der Verachtung und Verspottung bezeichnet wird; wenn das Beispiel, wie man friedliche Juden verhöhnt und mißhandelt, gegeben wird; wenn der Lehrer in der Schule nicht selten seine Mißachtung gegen die Juden ausspricht und an den eigenen jüdischen Schülern ausläßt, wenn in den Schulbüchern die Juden mit Kain, dessen Thal und dessen Strafe verglichen werden, in diesen und im größten Theile der Literatur die verleumderischsten Vorstellungen von den Juden gemacht werden — so wäre es wahrlich ein Wunder, wenn in der aufwachsenden Generation dieselben Gehässigkeiten und Borurtheile wie bei den Urvätern nicht immer von Neuem aufschössen. Hierin liegt das Uebel enthalten. Als in der ersten Hälfte unserö Jahrhunderts die öffentliche Schule von diesen schmählichen Feindseligkeiten vielfach frei gemacht und zu Pflanzstätten der Humanität