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Dibre Emeth · 1884-01-01 · 7-8 (1884) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
40 (1884)
Issue
7-8 (1884)
Date
1884-01-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
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123 seiner Unschuld sich bewußt, im geringsten nicht zweifelte. Weniger aber noch sehnte er sich aus natürlicher Liebe zur Freiheit, als aus dem Wunsche, öffentlich mit dem Munde zu bekennen, was er im Herzen glaubte, und durch die Taufe der Jüngerzahl Jesu Christi einverleibt zu werden. Sein täglicher Zeitvertreib war und blieb sein ihm nunmehr unschätzbares Testament, welches er nach und nach bis zu Ende las und immer wieder las, mit immer wachsender Begierde und Freude. In seinen gerichtlichen Verhören vertheidigte er sich freimüthig, aber bescheiden. Seine Richter selbst bezeugten, daß sein Benehmen ganz die Physiognomie der Unschuld trage. Auch seine sichtbare Ruhe der Seele bei Vorzeigung des in seiner Tasche gefundenen blutigen Messers und seine bescheidene Erklärung darüber machte die Richter wankend. Der Gefangene war in Absicht des Ausgangs seiner Sache ohne Furcht. Er harrte getrost, in stiller Geduld des Tages, an welchem Gott selbst, durch irgend eine Veranlassung seine Unschuld an den Tag bringen werde. Nach einem beinahe fünfvierteljährigen Verhaft im Gefängnisse wurde ihm sein Urtheil vorgelesen. Es bestand in dreitägiger Auspeitschung vor dem Rathhause und einjähriger Festungsstrafe. Eine Thräne entfiel ihm bei Anhörung des Urtheils, aber er ging still und ergeben in sein Gefängniß zurück. Der Tag der Vollziehung kam. Der Gefangene war schon auf das Rathhaus gebracht, um zu der erstmaligen Auspeiischung entkleidet zu werden, als die offizielle Nachricht des Stadgerichts in P. anlangte, daß der Mörder des Juden Elieser dort entdeckt und verhaftet, auch bereits seines Verbrechens geständig sei. Unser Gefangener wurde sogleich in das Gefängniß, jedoch in ein besseres Zimmer desselben zurückgeführt, und nach Verlauf von 8 Tagen erhielt er in den ehrenvollsten Ausdrücken seine völlige Freiheit. Die Angesehensten der Stadt bezeugten ihm ihr Mitleid über seine unverschuldete Gefangenschaft und ihre Mitfreude über seine endliche Befreiung. Er erwiderte: »Ihre theilnehmende Freude rührt mein Herz, Ihr Mitleiden kann ich nicht annehmen, denn ich habe durch meine Gefangenschaft nur wenig verloren, aber unendlich gewonnen.«

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