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Dibre Emeth · 1884-01-01 · 7-8 (1884) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
40 (1884)
Issue
7-8 (1884)
Date
1884-01-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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122 mit einem geheimen Widerwillen. Aber je länger er las, je mehr verwandelte sich der Widerwille in peinigende Unruhe und Bckümmerniß, die ihm selbst unerklärlich war. Die Reden Jesu in den Evangelien schienen ihm so voll von Weisheit, seine Thaten so übergewöhnlich, seine Absichten so rein, seine Gesinnungen so edel und heilig, daß er sich mit Ehrfurcht für ihn erfüllt fühlte und sich überzeugte, daß ihm an Heiligkeit und Gottähnlichkeit keiner unter allen Menschen, die je auf Erden gelebt haben, auch Moses und Abraham nicht ausgenommen, gleich kamen. Er hatte von seinen Eltern und Lehrern seit seiner zarten Kindheit Jesum von Nazareth als einen stolzen, zanksüchtigen, gegen sein Volk feindlich gesinnten Neuerer, Aufrührer und Verführer schildern gehört. Er staunte, jetzt auf allen Seiten des Buches den demüthigsten, sanftmüthigsten unter allen Kindern Abrahams, ja unter allen Söhnen Adams vor sich zu sehen. Nicht satt konnte er sich lesen an der von himmlischer Weisheit triefenden Bergrede, an dem letzten Hohenpriestergebet und an den von wehmüthig-zärtlicher Liebe überfließendcn letzten Gesprächen mit den Jüngern. Mit stillen Thränen im Auge las er die Marter- und Todesgeschichte Jesu, und bei den Worten am Kreuze, vorzüglich bei der Bitte: »Vater, vergieb ihnen!« fing er bitterlich an zu weinen. Er konnte sich kaum überwinden, weiter zu lesen. Doch die Begierde, das nachmalige Benehmen der Jünger nach dem Tode ihres Meisters zu wissen, bewog ihn, auch die Apostelgeschichte zu lesen. Hier ward ihm die Pfingstgeschichte und die Wirkung der ersten Pfingstpredigt vorzüglich wichtig. Den mächtigsten Eindruck aber auf sein Gemüth machte die Umschaffung des Saulus in Paulus. Diese Wunderbegebenheit wirkte entscheidend. Fast unwillkürlich rief er aus: »So wahr der Gott Abrahams im Himmel lebt, Jesus von Nazareth ist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!« Fast unwillkürlich hob er seine Hände empor und betete: »So wahr Du, Jesu von Nazareth, der wahrhaftige Prophet und Messias bist, ich will Dein Jünger sein! Erbarme Dich meiner! Erbarme Dich, wie Du Dich des Schächers zu Deiner Linken erbarmtest! Bitte, wie Du für Deine Mörder batest, für mich: Vater, vergieb ihm!« Der jetzt im Herzen gläubige Abrahamssohn sehnte sich nunmehr zwiefach nach dem Tage seiner Befreiung, an welcher er,

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