Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 7-8 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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121 Es traf sich, daß zwei Polizeisoldaten eben den Weg gingen, auf welchem der Mörder das zweite Werk der Ruchlosigkeit verübt hatte. Sic fanden einen wohlaussehenden Mann am Wege schlafend. Nach seiner Kleidung und Gestalt hielten sie ihn für einen Juden. Er war wirklich derselbe, von dem vorher geredet worden. Was gilt's, sprach der eine Soldat zu seinem Gefährten, wir sind durstig und hungrig, wir könnten ja die Tasche des schlafenden Juden um etwas Geld ansprechen. Da der Mensch schläft, so wird er es uns nicht abschlagen. Der Gedanke ist gut, erwiderte dieser, denn ich verschmachte vor Durst und ich habe keinen Pfennig in der Tasche. Sie griffen jetzt in die äußeren Taschen des schlaftrunkenen Nathans — dies war der Name des Juden — um Geld zu finden. Sie fanden statt eines Geldbeutels ein großes Messer. Sie zogen es heraus und erschraken, als sie es voll geronnenen Blutes fanden. Froh darüber, daß sie ihrer Meinung nach einen des Mordes Verdächtigen entdeckt und die auf die Entdeckung eines Mörders ausgesetzte Belohnung gewonnen hatten, weckten sie den Juden auf und führten ihn, taub gegen sein Fragen und Bitten und Betheuern, gebunden in die Stadt, wo er sogleich in gerichtlichen Verhaft genommen wurde. Hier saß er über ein volles Jahr im Gefängnisse. Schon in dem ersten Monat seines Verhafts ward ihm die Langeweile peinigend und unerträglich. Er fragte den Gefängnißwärter, ob er ihm nicht ein Buch zum Lesen geben könne? Es ist im ganzen Hause nur ein Buch, antwortete dieser, welches wahrscheinlich ein vormaliger Gefangener zurückgelassen hat. — Was für ein Buch? Ich kenne es nicht, erwiederte der selbst unwissende Gefängnißwärter, ich habe es nie gelesen, aber beim Hineinblicken merkte ich, daß es allerlei Geschichtserzählungen und auch Briefe enthält. — Geben Sie mir das Buch, jedes Buch ist mir lieber, als die quälende Langeweile! — Er gab es. Der Jude fühlte sich sehr betroffen, als er den Titel des Buches las. Es hieß: »Das Neue Testament unseres HErrn Jesu Christi.« Er wollte es zurückgeben. »Doch so sprach er zu sich selbst — was schadet es, daß ich einmal mit eigenen Augen lese, was die Christen von ihrem angebeteten Mirjams-Sohn erzählen. Ich werde künftig um so besser gegen die Christen disputiren können.« — Er fing nun an zu lesen. Er las anfänglich