Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 7-8 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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120 benutzen, um den alten, kranken Juden aus dem Wege zu schaffen und ihm sein Geld abzunehmen. Er gab ihm mehrere Messerstiche, welche ihm das Bewußtsein raubten. Obwohl er noch nicht völlig athemloS war, so hielt der Mörder ihn doch für todt, nahm ihm einen Ring vom Finger nebst dem wenigen Gelbe in seiner Tasche und warf ihn auf einen trockenen Misthaufen hinter dem Hause, in der Absicht, ihn sobald als möglich zu verscharren. Er war aber kaum in die Wirthsstube zurückgekehrt, als eine Höllenfurcht ihn überfiel, die ihn alles Besinnens und Ueberlegens unfähig machte. Einem Unsinnigen gleich eilte er aus dem Hause, ohne an den da offen daliegenden Körper und an das leerstehende HauS zu denken, entschlossen, bis an das eine Tagereise entfernte Seeufer zu laufen und auf einem Schiffe Matrosendienste zu nehmen. Der todtvermeinte Jude erholte sich, da seine Wunden nicht tödtlich waren, so weit, daß er sich, obwohl todtenschwach, mit Schneckenschritten bis in das nahe Dorf schleppen konnte. Er war außer Stande, von den näheren Umständen seines Unglücks befriedigende Auskunft zu geben, theils Schwäche halber, theils weil er weder seinen Mörder wußte, noch sonst etwas Bestimmtes anführen konnte, da er sich seiner nicht bewußt gewesen war und erst auf dem Misthaufen liegend völlig zu sich gekommen war. Er verschied am folgenden Tage. Der zu spät herbeigeholte Wundarzt fand, daß seine Wunden zwar an sich nicht nothwendig tödtend, aber bei ihm doch die Ursache seines Todes gewesen waren. Der Mörder lief, vor quälender Furcht außer sich, seines Weges fort. In einem Walde traf er einen noch jungen Juden an dem hohen Rande der Straße im tiefen Schlafe liegend. Sogleich stieg ein zweiter Belialsgedanke in seiner Seele auf. Er zog sein Mordmesser aus seiner Tasche, steckte es behutsam in die Tasche des festschlafenden Juden und eilte auf einem Seitenpfade im Walde weiter. Er erreichte die Seestadt P. In dem WirthShause, in welchem er einkehrte, fiel seine vortheilhafte Bildung und seine jugendlich blühende Gestalt der Tochter deS Hauses auf, sie bezeigte Zuneigung gegen ihn, und nach kurzer Zeit wußte sie ihrem Vater seine Einwilligung zu ihrer Eheverbindung abzugewinnen. Sie blieben dann im väterlichen Hause als Gehülfen des Vaters in seiner Gastwirthschaft.