Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 7-8 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Und sodann: Juden, drängt euch nicht vor! Weiter aber: Juden, gebet eure Assimilationssucht, diese Sucht, Deutsche, Franzosen u. s. w. zu werden, auf. Seht ihr denn nicht, daß der Kampf des Antisemitismus gegen die für assimilirt geltenden Juden noch erbitterter ist, als gegen das Häuflein der noch konservativen Juden! Unsere schreckliche Selbstsucht ist die erste natürliche Folge dieser Assimilationssucht. Sie nimmt uns jeden moralischen Halt, der nur in der Religion oder Nationalität zu finden ist. Mit der Assimilation haben wir nicht blos unsere Nationalität, sondern auch unsere Religion aufgegeben, denn im Judenthume sind beide eins. Wenn wir uns wieder als Nationalität betrachten, was wir von Anbeginn an gewesen und was wir seit 2000 Jahren der Zerstreuung noch immer waren, so kann das Hochgefühl, eine Nation unter den Nationen zu sein, unserem Leben wieder einen idealen Schwung verleihen, der, noch vom Zeitgeiste angefacht, die engen Grenzen des Judenthums übersteigen und unsere Sittlichkeit auch auf die Beziehungen zu Nichtjuden ausdehnen wird. Sobald wir uns werden als Nationalität fühlen, werden wir selbst das Unrecht einsehen, daß wir, die kleine Zahl, über die anderen Nationalitäten herrschen wollen. So lange wir uns für verschmolzen mit den andern Völkern halten, können wir uns einreden, die Handelsklasse der betreffenden Nation zu bilden, in die wir uns aufgegangen wähnen. Mit dem Augenblicke, daß wir uns als besondere Nationalität ansehen, werden wir uns vor uns selber schämen, lauter Geldmanipulanten zu sein, weil in einer Nationalität alle Berufsklassen vertreten sein müssen, die zusammen den gesellschaftlichen Organismus ausmachen — in erster Linie Feldarbeiter und Handwerker, die Grundpfeiler alles Kulturlebens. Wir werden also arbeiten wie die Massen anderer Nationalitäten und mithelfen, die Arbeit zu Ehren zu bringen. Wenn wir uns wieder als eine Nation betrachten, wird in uns von selbst wieder die Hoffnung erwachen, in der wir uns 2000 Jahre so wohlig, so gehoben und beseligt fühlten, die Hoffnung auf die Wiederaufrichtung der jüdischen Selbstständigkeit im Lande der Väter. Je lebendiger diese Hoffnung wird, desto mehr werden wir erst erkennen, daß wir arbeiten lernen müssen, körperlich arbeiten, denn mit lauter Börsenleuten und Zeitungs-