Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1884-01-01 · 7-8 (1884) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
40 (1884)
Issue
7-8 (1884)
Date
1884-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2554541-2554906-2554911--08244-2564267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

112 erfahren, die uns hätten zu denken geben können. Wir haben uns auf die Macht der herrschenden Humanität verlassen und fest geglaubt, unter ihrem Schutze uns an der Gerechtigkeit versündigen zu dürfen, wie wir nur wollen. Nun haben wir jedoch erlebt, daß der Antisemitismus trotz der herrschenden Humanität entstanden ist. Wenn wir einigen Muth zur Selbstprüfung gehabt hätten, würde uns diese Enttäuschung zur Einkehr in uns selbst veranlaßt haben. Wir haben uns ja seit der Emanzipation nicht nur nicht gebessert, sondern die alten Sünden gesteigert und noch neue hinzugefügt, unsere wirklichen Tugenden aber in das Gegentheil verwandelt. Welches Vertrauen in Bezug auf unsere Sicherheit haben wir sodann in die allgemeine Bildung gesetzt! In erster Linie in unsere eigene Bildung, vor welcher die Welt in die Kniee sinken sollte! Wir wollten ferner die Bildung des Volkes, um dadurch für unsere Interessen besser Propaganda machen zu können. Nun hat uns der Antisemitismus enttäuscht. Die dritte Enttäuschung, die wir erlebten, betrifft unsere Zuversicht auf den Parlamentarismus; aber auch hier hat uns der Antisemitismus zu Schanden gemacht. Wir werden noch eine vierte Enttäuschung erleben. Wir glauben jetzt fest und steif, daß der Antisemitismus schon im Niedergange begriffen ist, unsere falschen Propheten sagen es uns täglich, wir jubeln wie nach einem großen Siege und sündigen im Siegestaumel noch mehr als früher. Unsere Prediger und Kultus- Vorstände schmeicheln uns dazu und steigern die Vertrauensseligkeit derer, die noch denken und angesichts des nahenden Sturmes vielleicht von ihrer Schlechtigkeit lassen würden. Sie predigen heute noch lauter als zuvor, wir seien die besten aller Nationen, der Haß gegen uns ungerechtfertigt und nur vom Neide eingcgeben; und Jeder von uns, der offene Augen hat und zur Umkehr mahnt, läuft Gefahr, als Verräther am Judenthum von diesen Baalspriestern gesteinigt zu werden. Wenn die Außenwelt bei uns einen für alle und alle für einen büßen läßt, für den Fehler eines einzelnen Juden allesammt in Bausch und Bogen verdammt, wer anders bringt es dazu als wir selbst? Bei uns herrscht ja Solidarität. Wird einer von uns ausgezeichnet, so halten wir uns alle dadurch für edle und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.