Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 7-8 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2554541-2554906-2554911--08243-2564266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 Rom vor seinem Untergange begabt sein, und mit derselben sollten wir ein Muster für weitere Kreise sein? Wir bilden heute nur mehr ein zersetzendes Element in der Gesellschaft. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren wir eine Religionsgenossenschaft im strengsten Sinne des Wortes, heute sind wir eine Religionsgenossenschast im negativen Sinne, die sich's zur Aufgabe macht, den Religionsgedanken aus der Welt zu schaffen. Wir wollen die religiöse Gleichgültigkeit verbreiten, jeden Glaubenssatz wegphilosophiren, jede Ueberlieferung vernichten. Auch, die früheren Tugenden der Sittenreinheit und der Heiligkeit des Familienlebens muß man jetzt mit Lichtern bei uns suchen. Von den etwa 5000 Prostituirten Wiens sind nach einer polizeilichen Statistik ein unverhältnißmäßiger Prozentsatz Jüdinnen. Markart's nackte Figuren auf seinem Bilde: »Der Einzug Karl V.« sind verheirathete Frauen von bekannten jüdischen Firmaträgern. Unsere Gemeinden haben sich seit der Emanzipation vollständig umgewandelt, Alles strömt in die Städte und besonders in die Hauptstädte, welche uns als die besten Weideplätze erscheinen. Die neuen Gemeinden erstreben Kultusreformen, welche lediglich äußerer Art sind, im Uebrigen aber sind sie Genossenschaften, welche nicht religiöse Gesichtspunkte, sondern die gemeinsamen Interessen gegen alle, die draußen stehen, Zusammenhalten. Unser »Martyrium« hätten wir nicht in die neue Zeit herüberzunehmen brauchen, wenn wir hätten säen, ernten, bauen, hämmern, weben und alle die Arbeit thun wollen, welche den eigentlichen Kern aller Kultur ausmacht. Wollten wir vom europäischen Drucke los werden, dann hätten wir gemeindeweise über den Ozean hinüberziehen können. Das haben andere Glaubensgenossenschaften gethan. Aber wir hätten daselbst freilich arbeiten müssen, denn mit den modernen jüdischen Ständen kann ja doch kein Staat gebildet werden. Wir sind jedoch lieber in der alten Welt geblieben, und die nach Amerika ziehen, führen dasselbe Leben, wie in Europa. Wir suchen keinen Boden, den wir bearbeiten wollen, sondern als Schmarotzer andere Wesen, von denen wir uns nähren. Die neuen Weltstädte, Freizügigkeit und Gewerbefreiheit haben daher unserm Emanzipationsrecht ihren wahren Werth gegeben. In der letzten Zeit aber haben wir bittere Enttäuschungen