Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 7-8 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2554541-2554906-2554911--08232-2564255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
100 darein vertiefte, desto weniger befriedigte ihn diese jüdische Gelehrsamkeit; sein Wissensdurst trieb ihn zu den klassischen Studien, er entschloß sich, dem Rabbinerthum zu entsagen. Von diesem Gedanken erfüllt, kehrte er in das elterliche Haus zurück, wo man aber nichts davon wissen wollte, da man fürchtete, die humanistischen Studien könnten ihn von den orthodoxen Anschauungen abbringen. Ueberdies war es schwierig, die Wege zu einer gelehrten Ausbildung zu finden, da, abgesehen von dem Aufwande, die höheren Bildungsanstalten in Württemberg damals den Juden verschlossen waren. Doch der junge Mayer, bei dem sein Entschluß feststand, dachte selbst darüber nach, wie er sich die Wege ebnen könnte. Er hatte die freundliche Gesinnung des Königs gegen den Großvater rühmen gehört, auf diese baute er seinen Plan. Als der König wieder einmal in Freudenthal erschien, stellte er sich in den Weg, als der Reisewagen vorbeifuhr, und warf eine Bittschrift hinein, in welcher er seine Bitte um Aufnahme in das Gymnasium zu Stuttgart vorbrachte. Am folgenden Tage wurde er in die Königl. Hofkanzlei nach Stuttgart beschieden und ihm dort aufgegeben, sein Anliegen noch einmal schriftlich vorzutragen, zur Probe, ob er die übergebene Bittschrift selbst verfaßt habe. Er bestand diese Probe gut. Des anderen Tages wurde auch sein Vater in das Schloß beschieden und ihm eröffnet, daß sein Sohn in das Gymnasium zu Stuttgart ausgenommen sei, und daß der König durch jährliche Stipendien für ihn sorgen werde. Der Vater war zwar keineswegs damit einverstanden, da er fürchtete, mit dem Rabbiner werde es nun aus sein, aber er wagte nicht zu widersprechen, denn eine solche königliche Gnade war zumal bei König Friedrich Befehl. Mayer machte von der ihm angebotenen Gelegenheit zu weiterer Ausbildung mit Freudigkeit und Gewissenhaftigkeit Gebrauch, er zeichnete sich bald durch Fleiß und Kenntnisse aus und benahm sich gegen seine Mitschüler, denen er bei seiner frühen Reife in Manchem überlegen war, mit einer Bescheidenheit, die ihm bald Freunde gewann. Im Herbst 1815 bezog er die Landesuniversität, freilich nicht, um jüdische Theologie, sondern Rechtswissenschaft zu studiren. Fünf Jahre bis zum Herbst 1820 brachte er auf der Universität zu und legte sich mit großem Eifer nicht nur auf die juristischen Fächer, sondern auch auf philosophische Studien, besonders mit der Kant'schen