Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1884-01-01 · 7-8 (1884) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
40 (1884)
Issue
7-8 (1884)
Date
1884-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554906-2554911--08231-2564254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 Bald jedoch war durch einen unvermutheten Glücksfall dieser Roth etwas abgeholfen. Als einst König Friedrich, welcher häufig auf seinem Jagdschloß in Freudenthal weilte, an einem frühen Maimorgen des Jahres 1806 in den Wald ausfuhr und unterwegs in die Nähe der jüdischen Synagoge kam, begegnete ihm Rabbi Elsässer, dessen ansehnliche Gestalt mit langem, weißen Bart, in den Betmantel gehüllt, mit den Phylakterien auf dem Haupte und fremd klingende Worte vor sich hin sprechend, einen besonderen Eindruck auf den König machte. Einige Stunden darnach erschien ein Hoffourier bei dem Rabbiner mit dem Befehl, daß er alsbald vor Seiner Majestät zu erscheinen habe. Elsässer folgte schleunig und wurde gnädig von dem König empfangen, der sich näher nach seinen Lebensverhältnissen erkundigte und erfuhr, daß er bereits feit 50 Jahren die Stelle eines Rabbi bei der israelitischen Gemeinde in Freudenthal und Hochberg bekleide, nur 175 Fl. und sechs Kinder habe. Der König fragte ihn auch, was er denn bei der Begegnung vor der Synagoge gesprochen habe, worauf der Rabbi erwiderte: »Den Segenswunsch, den der Jude zu sprechen hat, wenn er seinen Landcsfürsten sieht: Gelobt seift Du, Ewiger, unser Gott, der Du von Deiner Majestät einen Theil übertragen hast an Fleisch und Blut!« Am folgenden Tage erhielt der Rabbi ein Königl. Dekret, das ihn zum württembergischen Landes- Rabbiner mit einem jährlichen Gehalt von 800 Fl. ernannte. Davon hatte die Staatskasse 200 Fl., der Rabbinatsbezirk 300 Fl. und die Stuttgarter Judengemeinde 300 Fl. zu bezahlen. Auch später wurde Rabbi Elsässer öfters zum Könige befohlen, der sich mit dem verständigen, an Erfahrung reichen Greise gern unterhielt. Der neue Wohlstand, der in Rabbi Elsässers Hause eingekehrt war, kam natürlich auch dessen Schwiegersohn und Enkel zu gute. Letzterer sollte in die Fußtapfen des Großvaters treten und ein gelehrter Rabbiner werden. Zu seiner weiteren Ausbildung hierfür wurde er nun nach zurückgelegtem dreizehnten Lebensjahre der Talmudschule zu Hechingen übergeben, wo er so schnelle Fortschritte machte, daß er schon nach einem Jahre für das Rabbinerdiplom reif gewesen wäre, wenn das Herkommen erlaubt hätte, diese Würde vor dem achtzehnten Jahre zu ertheilen. Der junge Talmudschüler hatte sich schon mit den religiös-philosophischen Schriften der jüdischen Theologie vertraut gemacht, aber je mehr er sich 7*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.