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Dibre Emeth · 1884-01-01 · 5-6 (1884) · page 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
40 (1884)
Issue
5-6 (1884)
Date
1884-01-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
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95 nicht will, kann man ihn allerdings nicht überzeugen. So habe ich in meiner Vaterstadt einen Mann gekannt, der pflegte zu sagen: „Ich und meine Familie, wir führen uns alle Tage so auf, daß wenn der Abend kommt, wir vor uns selber den Hut abnehmen, und ich zu mir sagen kann: Louis, das hast du schön gemacht!"« »Das war ein Egoist, bis zum Exceß!« rief mein Nachbar. »Nein, nein, Unzufriedenheit mit sich selbst ist ein nothwendiger Sporn für den Menschen. Es ist merkwürdig, wie sich das trifft. Sehen Sie, ich gehe nicht viel in die Kirche — oder eigentlich in die Synagoge, denn ich bin ein Jude — das Geschäft erlaubt es nicht, ich habe keine Zeit; aber einmal im Jahre denkt man doch daran, daß man ein Mensch ist, und weil heute großer Versöhnungstag ist, so bin ich heute in der Synagoge gewesen.« »Denken Sie daran wirklich nur einmal im Jahre, daß Sie ein Mensch sind? Daran werde ich doch alle Tage erinnert und — eigentlich Sie auch, ja sogar dreimal des Tages durch Ihren Magen. Wenn nun Ihre Seele ebensoviel Hunger hätte wie Ihr Magen, so würden Sie nach Speisen verlangen. Denn die Sünde fordert Sühne; das Opfer bildet den Mittelpunkt aller Religionen, der heidnischen, der jüdischen und der christlichen Religion. Wo es sich nicht um Sühne und Opfer handelt, da mag es sich um viele andere schöne Dinge handeln, aber um Religion handelt sich'S da nicht.« »Sie verstehen unter Sühne natürlich doch nur die Selbstveredelung, an welcher jeder Mensch arbeiten muß.« »Haben Sie je gehört, daß ein Mensch sich an seinem eigenen Schopfe aus dem Sumpf gezogen hat? Von Münchhausen erzählt man's wohl, der soll sich sammt seinem Pferde am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen haben, sonst Hab' ich's von Niemand gehört. Und nun sollte sich ein Egoist aus eigener Kraft aus dem Sumpfe des Egoismus herausziehen? Das glaube ich nicht, sondern dazu wird's einer Kraft von Oben bedürfen, die ihn über sich selbst hinaushebt. Und diese Kraft liegt eben in der Sühne.« »Sie sprechen immer von Sühne. Wie kann ich dessen gewiß werden, daß etwas die Sühne für meine Sünde ist?« »Setzen wir den Fall: Sie halten Kassensicht und finden Ihre Kasse leer, Sie wissen aber, es ist ein Wechsel von 10,000 Fl. unterwegs, von Ihnen anerkannt und unterschrieben, der wird morgen präsentirt. Zahlen Sie nicht, so bricht morgen der Bankerott aus, es wird in der ganzen Handelswelt bekannt, Sie sind ein ruinirter Mann. Wenn ich nun heute Abend zu Ihnen sagte: Hier sind 10,000 Fl.« »Die würde ich nicht refüsiren!« fiel er mir rasch in die Rede.

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