Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 40 (1884)
- Issue
- 5-6 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Gottes in seinem Gewissen anerkennt? Ich hörte einmal einen Herrn sagen: „Es muß eben mehr Polizei sein!" „Nein," sagte ein anderer, „Polizei thut's nicht, aber das Militär." Da erzählte ich den Beiden jene Anekdote von Karl X. von Frankreich, der 1830, als er von dem Ausbruch der Revolution hörte, seinem Adjutanten den Befehl gab, auf das Volk schießen zu lassen. Der Adjutant kehrt zurück mit der Nachricht, die Soldaten weigerten sich zu schießen. „So soll man auf die Soldaten schießen!" sagte der König, und der Adjutant mußte ihm erwiedern: „Aber, Majestät, wer wird schießen?"« »Nun — sagte mein Nachbar — ich bin nicht gegen Religion, aber natürlich meinen Sie auch nur Religion im Allgemeinen, nicht bestimmte Formen, die ja gleichgültig sind. Ich brauche Sie ja nicht an Nathans Ringe zu erinnern.« »Gestatten Sie mir mit einem Gleichniß zu antworten. In einer Restauration rief ein Herr einem Kellner zu: „Bringen Sie mir Obst!" Der Kellner brachte Aepfel. „Ich habe keine Aepfcl bestellt, ich will Obst haben!" sagte der Gast. . Der Kellner bringt Birnen. „Was bringen Sie mir den» Birnen? Bringen Sie Obst!" Der Kellner bringt Nüsse und Trauben. „Ich begreife Sie wirklich nicht, ich habe doch Obst bestellt, und nun bringen Sie mir Nüsse und Trauben." — „Und ich begreife Sie noch viel weniger," erwiderte ihm der Kellner, „denn Obst, das Sie wünschen, muß doch auf einem Baume gewachsen sein, sei's nun ein Apfelbaum oder ein Nußbaum." — Sehen Sie, verehrter Herr, fuhr ich fort, „Religion im Allgemeinen" das ist Obst; sie muß doch auf irgend einem Baume gewachsen sein, sei's nun ein heidnischer, jüdischer oder christlicher Baum.« »Aber ich habe doch gemeint, Kiyder müßten vorurthcilsfrei erzogen werden.« «Wenn Sie darunter verstehen, daß man Kindern früh Ehrerbietung gegen andere Glaubensgenossen cinprägen soll, so stimme ich Ihnen vollkommen bei. Im Uebrigen glaube ich, daß Kinder durch lauter Vorurtheile erzogen werden. Deun alles, was der Vater lehrt, bleibt für das Kind so lange Vorurtheil, bis es das Kind erst später selbst zum eigenen Urtheil gestalten kann.« »Ich gebe zu, daß man dem Kinde nur das beibringen kann, wovon man selbst überzeugt ist, aber man kann doch die Religion nicht lehren, wie: 2 mal 2 ist 4!« »Was würden Sie sagen, wenn Jemand zu Ihnen sagte: 2 mal 2 ist 5? Sie würden wahrscheinlich denken: Der Mann hat ein anders vrganisirtcs Gehirn als ich. Aehnlich ist es mit dem Gewissen des Menschen. Wen» ein Mensch aufrichtig ist, kann man ihn wohl überzeugen, daß auch in ihm der Egoismus sitzt. Freilich ist der Verstand der Advokat des Willens, und wenn Einer