Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 11-12 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554876-2554883--08113-2564136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
181 Messias verehrte. Sein Herz war freilich dadurch noch nicht umgewandelt worden, indcß hatte er doch nun ein Verlangen erhalten, von dieser Sache mehr zu erfahren. Und zwar wünschte er von den Evangelischen unterrichtet und in die Kirche ausgenommen zu werden. Er meinte, daß dieses gleich in der nächsten evangelischen Grenzstadt würde geschehen können, machte sich daher von Allem los, das ihn in seinem Vatcrlande hielt, und begab sich mit seiner Frau und deren Kindern auf den Weg. Allein er hatte sich sehr geirrt. Da er verheirathet war, so hieß es, es sei für ihn an kein Unterkommen zu denken. Höchstens wolle man ihm ein Almosen zuwenden, um seine Reise fortsetzen zu können. Und aus diese Weise ward er nicht nur aus dieser Stadt entlassen, sondern aus allen andern Städten und Gegenden, in die er sich wendete. Fast gerieth er in Verzweiflung, als er sich einer so furchtbaren Lage ausgesetzt sah, denn schon schien es, als ob er nie eine Heimath finden sollte. Er kam endlich auch nach Kopenhagen, und hier fand er in dem würdigen Rohn nicht nur einen Freund, sondern einen Vater. So sehr fand die Mildthätigkeit dieses Geistlichen keine Grenzen, daß er dem Israeliten ein Haus mit Zubehör eigenthümlich zu verschaffen wußte, um darin die Branntweinbrennerei zu treiben, zugleich ein königliches Privilegium, welches ihn von allen Abgaben freisprach, und ein Jahrgeld von zweihundert Thalern. Allerdings hatte wohl eine so große Mildthätigkeit das Gefährliche, daß sie zur Jrdischgesinntheit verleiten konnte. Das Schlimmste aber war, daß sich nunmehr, da jener arme Mensch wirklich ein Unterkommen gefunden hatte, zeigte, daß er durch die lange Herumstreicherische Lebensart an Müßiggang und Trägheit gewöhnt worden war. Der plötzliche Glückswechsel, den der Mensch so schwer vertragen kann, mochte mit beitragen. Kurz, durch Trägheit kam der Mann in seiner Wirthschaft zurück, mußte Schulden machen, die der Konsistorialrath tilgte, und am Ende, als er sich auf's Neue wieder verschuldet sah, ging er mit Weib und Kind davon. Schon vorher waren nun gar häufige Klagen beim Konsistorialrath eingelaufen, nun aber erhob sich ein allgemeines Geschrei nicht nur über die Nichtswürdigkeit des Entlaufenen, sondern der Proselyten überhaupt. Der seltene Knecht Gottes aber, der gewiß gegen das ihm zugefügte Leidwesen nicht unempfindlich war, that deshalb seiner Liebe keinen Abbruch. Er unterhandelte mit den Gläubigern des Entwichenen,