Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 5-6 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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86 tiefe Demüthigung erfahren haben, welche sie zu der höchsten Weltstellung also befähigte, wie das durch den Schmelzofen der Trübsal und das Läuterungsseuer der tiefsten Zerknirschung hindurchgegangene Haus Israel. Darum sollen wir uns ermahnen lassen, nicht müde zu werden, und unsere Kraft in der Liebe Christi daran zu wenden, Israel zu gewinnen, Gott unserm Heilande zur Ehre, der Welt zum Heil und uns zu ewiger Freude. Dies das köstliche Zeugniß von G. Weickcr. Welche Läuterung aber Israel nöthig hat, ehe es ein Werkzeug der Gnade werden kann, lehrt am deutlichsten jeder Blick in die Bücher seiner Schriftgelehrten. Das religiöse Denken und die ganze geistige Verfassung unserer heutigen Juden wird besonders offenbar, wenn sie die heilige Schrift behandeln. Jetzt liegt z. B. auch der zweite Theil der Auslegungen der Psalmen von dem jüdischen Professor Or. H. Grätz vor; derselbe trägt den Titel: 2. Kritischer Commentar zu den Psalmen. BreSlau 1883 bei S. Schottländer. Hier werden die Psalmen 61—150 besprochen. Zur Kennzeichnung des Werkes greifen wir nur den 90. Psalm heraus. Moses darf dem vr. Grätz in keinem Falle der Verfasser sein. »Das Bekenntniß der Sündhaftigkeit und das Schuldbewußtsein weisen aus die Zeit der Verbannung, und die Berufung auf die Verheißung von der langen Lebensdauer auf den Verfasser des zweiten Theiles des Buches Jesaia. Folglich ist der Psalm aus der Zeit nach der Verbannung!« Also, wo sich das Bekenntniß der Sündhaftigkeit und Schuld findet, da ist Moses nicht vorhanden! Bisher hat man in der Welt immer das Gegentheil geglaubt. Eben so große Befähigung legt Or. Grätz für das Verständniß des Inhaltes dieses Psalmliedes an den Tag. Der Text ist nach seiner Erklärung außerordentlich verdorben, und dieser Behauptung begegnen wir bei ihm auch in vielen anderen Psalmen, wenn der Inhalt in sein Denken nicht hineinpaßt. Zur Vergleichung lassen wir einmal die Uebersetzung des bekannten Theologen D. F. Delitzsch und die von Grätz nebeneinander folgen: