Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 3-4 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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60 An einem Orte besuchte Herr Händes am großen jüdischen Versöhnungsfeste die Synagoge. Als er darin umherging, bemerkte er einen alten Juden, welcher mit einer Inbrunst betete, die außerordentlich war. Sein Gesicht trug die Züge der größten Zerknirschung und der tiefsten Reue. Er betete so heftig, daß seine ganzen Geberden den Ausdruck seines Seelenkampfes und Seelenschinerzes waren. Wie gern hätte der Bote Christi diesem Leidenden Trost geschenkt! Wie gern hätte er ihni den Heiland gepredigt, der für alle seine Sünden gestorben ist! Doch es gibt Zeiten, wo die Liebe der Weisheit sich unterordnen muß. Wollte der Jünger des HErrn nicht an jener Stätte eine zwecklose Störung veranlassen und Alles gegen sich erbittern, so durfte er nicht sprechen, was sein Herz fühlte. Und doch, wer, der Anverwandte oder Freunde besitzt, die sich ohne Christum quälen und nie zum Frieden kommen, kennt nicht das schmerzliche Gefühl, neben dem Kranken mit der Arznei zu stehen und sie ihm doch nicht geben zu dürfen. Während noch mit dergleichen Gedanken Händes neben dem alten Israeliten stand, trat das Kind desselben, ein munterer Knabe, neben den ringenden Vater. Der Knabe hatte einen grünen Zweig in der Hand, lächelnd winkte er mit demselben auf den Alten. Welch' sinnvolles Gemälde! Ja, so lächelt in kindlicher Unschuld der, dem Jesus alle seine Sünden vergeben hat, auf den hin, der sich mühet in seinen eigenen Wegen und hat doch kein Gut davon. — Plötzlich umfaßte der Alte — gleichsam als wollte er die kindliche Freude in seiner Nähe nicht dulden — den erschrockenen Knaben, klammerte ihn dicht an sein Herz und fuhr noch emsiger in seinen Gebeten fort. Händes ging in einem polnischen Orte aus. An der Straße vernahm er eine Stimme, die ihn anrief: »Hürt's, Hürt's!« Er blickte um und sah einen Juden in ärmlichen, zerrissenen Kleidern, mit langgewachsenem Barte, unrein, mit einem verstörten Gesichte. »Gebt mir 'zwei Groschen!« rief die wilde Gestalt. »Wer seid ihr — fragte der Missionar — und was habt ihr für ein Recht, von mir das Geld zu fordern?« Jener aber erwiederte: »Wenn ihr wüßtet, wer ich bin!« »Nun — wer seid ihr?« »Ich bin der Künig Schlome« (Salomo). »Ei, ihr seid mir ein rechter Salomo, so abgerissen und unrein.« »Ich bin der weise König Schlome. Jede Nacht Hab' ich Umgang mit den himmlischen