Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 3-4 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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55 legen), Zum (Fasten), wir halten alle 613 Gebote.« Ich erwiderte: »Halten Sie dieses wirklich, so ist es gut, allein bedenken Sie wohl, daß Gott gesagt hat: Verflucht sei, wer nicht alles hält u. s. w.« Darüber erschracken sie. Der Rabbi sprang von seinem Stuhl und schrie: »Sind nicht aber die zehn Gebote auch den Christen gegeben? Haben Sie diese immer gehalten?« Ich: »Nein, aber doch bin ich rein, ich bin abgewaschen, ich bin rein durch das Blut des Sohnes. Wer kann mich beschuldigen? Christus ist hier, der mich gerecht macht. Doch wie wollt ihr rein werden, die ihr das Gesetz so oft übertreten habt?« Der Polnische Jude suchte mir nun mit Aengstlichkeit zu zeigen, daß er doch kein gar so großer Sünder sei. Er zählte mir einzeln vor, was er gesündigt habe und in welchen Stücken er das Gesetz halte. Ich aber antwortete ihm mit dem Gleichnisse des HErrn vom Zöllner und Pharisäer (Luc. 18, 8), indem ich ihn warnte, nicht durch seine Selbstgerechtigkeit den Zorn Gottes auf sich zu laden. Das Gleichniß machte ihn betroffen. Es war nunmehr noch ein sehr alter, ehrwürdiger Jude hinzugekommen, der mich mit großer Sanftmuth anhörte und auch die andern beiden immer wieder zu besänftigen suchte. Der Rabbiner aber wurde immer unwilliger, so daß er mir die Thür wies und mir sagte, ich sei ein Amraz (ein Ungelehrter). Ich erwiderte: »Ich will nichts wissen als Jesum den Gekreuzigten. Wenn ihr an Mosen und die Propheten glaubtet, so würdet ihr auch an den glauben, denn Moses sagt: Es wird das Scepter nicht weichen von Juda, noch der Gesetzgeber von seinen Füßen, bis Schilo kommt. Dieser von euch Verschmähte wird einst euer Richter sein und eure Seele, sowie die Seelen derer, die durch euch verführt werden, von eurer Hand fordern und euer eigner Stolz wird euch verdammen vor seinem Angesichte. Darum bekehret euch, damit ihr lebet!« Schweigend ging er fort. Der Polnische Jude aber und der andere ehrwürdige Israelit blieben im Gespräch mit mir. Der Erstere suchte immer emsiger zu zeigen, daß er doch nicht so ganz schlecht sei, sondern das Gesetz zum Theil erfülle. Durch den Spruch Christi: »Es sei denn eure Gerechtigkeit besser denn der Pharisäer und Schriftgelehrten, werdet ihr nicht in's Himmelreich eingehen!« wurde er indeß sehr eingeschüchtert, so daß er kleinlaut sagte: »Ich will ja nicht prahlen