Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 3-4 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Es ist auch nicht der Wunsch, die Reinheit der Rasse aufrecht zu erhalten, noch der uns gründlich ausgetriebene Rassenstolz, welcher uns bestimmen könnte, das Dulderthum sortzusetzen. Innerhalb der eigenen Rasse herrscht, wie beim Individuum, die Neigung vor, die eigenen Fehler zu übersehen oder zu verringern, die guten Eigenschaften aber unverhältnißmäßig zu vergrößern. Wir müssen aber, insofern wir nicht vom Eigendünkel in unserem Urtheil beeinträchtigt sind, zugeben, daß die Rassen der meisten modernen Völker, in deren Mitte wir leben, gleichen Werth mit der unseren besitzen, ja, daß die großen Kulturnationen einen doch etwas höheren Werth beanspruchen dürfen als wir. Darum ist das starre Festhalten an unserer Rasse, diese Scheu, sich mit den anderen zu vermischen, von diesem Standpunkte aus nicht zu vertheidigen. Die Deutschen, eine im Brennpunkt der Zivilisation stehende Nation, finden es natürlich, daß unter andern Himmelsstrichen und anders gearteten Verhältnissen ein Festhalten an Rasse und Nationalität schädigend für sie wirkt, und scheuen sich z. B. in Amerika nicht, der Rasse und Nationalität sich zu entäußern. Diese Deutschen zeigen uns den Weg, den wir einzuschlagen haben. Den Hauptgrund unseres Verharrens beim Judenthum bildet jedoch unsere Religion. Aber trotz des Geschreies der dabei interessirten Kreise sehen wir überall in der zivilisirten Gesellschaft eine Gleichgiltigkeit gegen die Religionen immer mehr Platz greifen. Wir Juden haben unsere Orthodoxen, unsere Freidenker und die Aufgeklärten. Zu den Letzteren gehört die Mehrzahl der Juden in den zivilisirten Ländern. Diese verehren wohl den einzigen Gott, den Gott ihrer Väter, sehen aber in ihm schon auf Grund der langen bitteren Erfahrungen, die sie gemacht haben, keinen speziellen Judengott, sondern ein allen Geschöpfen gemeinsames höchstes Wesen. Diese aufgeklärten Juden, die immerfort durch Zuzüge aus dem orthodoxen Lager verstärkt werden, dürften vorurtheilslos genug sein, um anzncrkenne», daß das Heil auch in einer andern gottgläubigen Religion zu finden sei. Sie könnten dann aber kanm die von Rousseau verfochtene Anschauung als unrichtig zurückweisen, daß jeder gute Bürger, schon im Interesse des Friedens und der Eintracht unter den Mitbürgern, die herrschende oder Hanptreligiou seines Vaterlandes annehineu solle und müsse.