Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 3-4 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2554541-2554876-2554879--07977-2563996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
49 heit zu Haß und Verfolgung steigert. Wir Juden aber sind mehrfache Fremde, weil wir es sowohl unserer Abkunft als unserer Religion nach sind. So lange also Religion und Abstammung die Verbindung der Menschen hindern, werden wir als Fremde betrachtet und auch behandelt werden. Der Werth, den die Menschen auf die Religion legen, fängt mit Verallgemeinerung des Wissens in den vorgeschrittenern Ländern freilich an geringer zu werden. Hingegen spielt die Nationalitätsfrage in unserer Zeit die erste Geige. Und wenn unsere Religion auf einzelnen Punkten der Erde auch allmählich aufhört, einen Haken für uns zu bilden, der uns immerfort Wunden beibringt, so stößt man sich um so mehr an unserer Rasse. Was früher unter dem Banner des Glaubens gegen uns gesündigt wurde, das wird nun unter dem des Blutes gethan. Weder die vergangeuen noch die gegenwärtigen noch die zukünftigen Zeiten bieten uns Juden Trost. Weshalb drücken wir also unfern Kindern und Enkeln die überkommene Dornenkrone auf's Haupt? Was bestimmt uns eigentlich, ewig oder fast ewig, Heloten bleiben zu wollen? Eine Ausnahme unter allen Völkern, die ihre politische Existenz verloren haben, haben wir unser Heimathland verlassen, demnach aufgegeben und haben somit unsere Rechte auf den Besitz desselben verloren. Das Land, das uns einst gehörte, ist eine neue Heimath der Fremden geworden. Palästina ist für uns verschlossen und verloren. Das schmale kleine Ländchen würde auch keinen Raum für unser gesummtes Volk, ja nicht einmal für einen überwiegenden. Thcil desselben bieten. Die europäischen Juden sind zudem dem dortigen Himmelsstriche und den dortigen Existenzbedingungen gänzlich entfremdet. Vor Allem aber würde eine größere Auswanderung nach Palästina die Liebe und Anhänglichkeit für die Länder, verhindern, in denen wir Aufnahme gefunden haben. Unsere Heimath ist uns jetzt das Geburtsland, wir kennen keine andere und wollen keine andere kennen. Hinter einem Messias also, der uns in's gelobte Land führen wollte, würden nur Wenige von uns gehen, obgleich mit einem Gebete, das gedankenlos, wie es mit den meisten geschieht, einmal im Jahre gesprochen wird, der Wunsch zum Ausdruck gelangt, daß wir binnen Jahresfrist nach Jerusalem kommen mögen. 4