Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 3-4 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554876-2554879--07972-2563991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
44 haben ihnen nicht Recht gegeben. Die meisten freilich hoffen trotzdem ans Frieden und wollen nicht zugeben, daß Grund zu wirklichen Besorgnissen für sie vorliege. Aber nicht mehr so allgemein, wie es früher herrschte, hat man unter ihnen das Sicherheitsgefühl wiedergewonnen, sondern im jüdischen Lager mehrt sich fortwährend die Zahl derjenigen, welche die Dinge doch recht ernst auffassen. Und auf diese ihre eigenen Stammesgenossen möchten wir nun die jüdischen Leser unseres Blattes Hinweisen. Kommen nachdenkliche Leute in ihrer eigenen Mitte zu ähnlichen Ergebnissen ihrethalben, wie solche Christen, die sich aus einem Herzensinteresse mit ihnen beschäftigen, dann sollte dies doch für jeden Juden eine Mahnung werden, und er sollte so viel Muth haben, die Fragen, von denen Wohl und Wehe der ganzen Judenschaft abhängt, in reifliche Ueberlegung zu ziehen. Leichtfertiges, oberflächliches, hochmüthiges Abweisen dessen, was Herz und Gemüth vieler Freunde der Juden für sie beschäftigt, kann unmöglich Nutzen bringen. Es gilt also, sich einmal aufraffen und ernsten Erwägungen Raum geben. Zwei jüdische Stimmen wollen wir heute zu den Ihrigen reden lassen, zwei Männer, die unabhängig von einander zu dem Ergebniß kommen, daß jedesfalls die Lage, in welche die bürgerliche Gleichstellung der Juden dieselben gebracht hat, nicht auch ihre innere Verbindung mit der übrigen Bevölkerung herbeigeführt und schließlich ihre Stellung inmitten der Völker eher verschlechtert als verbessert hat. Beiden jüdischen Schriftstellern liegt es durchaus fern, nun den Wunsch zu hegen, daß die früheren Verhältnisse der Juden zurückkehren möchten, sondern beide wollen den Ihrigen allein zu der Erkenntniß verhelfen, daß sie in einem Jrrthume gewesen waren, wenn sie gehofft hatten, durch die moderne Gestaltung ihres Lebens unter den Völkern könnten der ersehnte Friede, Ruhe und Sicherheit für sie herbeigeführt werden. Da ihnen aber der Jrrthum immer gefährlicher zu werden drohe, so bäten sie die Ihrigen, auf andere Wege zu denken, und schlügen nun auch selbst solche Wege vor. Der erste jener Beiden hält daran fest, daß die Juden ein besonderes Volk bleiben sollen und müssen, und demgemäß richtet er seine Rathschläge ein. Er nennt sich »einen russischen Juden« und hat an seine Stammesgenossen eine kleine Schrift ergehen